Unternehmensnachfolge Generationenwechsel in Deutschland

September 2013 / Recht
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Unternehmensnachfolge Generationenwechsel in Deutschland

September 2013 / Recht 

Die Zahl der Unternehmensnachfolgen in Deutschland liegt zwischenzeitlich pro Jahr bei mehr als 22 000 Unternehmen mit knapp 300 000 Beschäftigten. Die Nachkriegsgeneration – zu Recht als die Aufbaugeneration der Republik bezeichnet – zieht sich aus Altersgründen zurück. 86 Prozent der Unternehmensübertragungen erfolgen ausweislich statistischer Erhebungen mit dem Übergabegrund „Alter“.

 

Im TOP Interview: Prof. Dr. Rolf Bietmann, Fachanwalt für Arbeitsrecht (Köln), Professor für Wirtschafts- und Arbeitsrecht

TOP: Welche Auswirkungen hat die doch erstaunlich große Zahl von Unternehmensveräußerungen für unser Wirtschaftssystem?

Bietmann: Es besteht die Gefahr, dass ohnehin marktbeherrschende Unternehmen durch zielgerichteten „Aufkauf des Mittelstandes“ ihr Angebots- und Mitarbeiterportfolio weiter ausbauen. Die einsetzende Welle von  Unternehmensveräußerungen stärkt insoweit die Marktmacht weniger und kann zu einer Schwächung mittelständischer Strukturen in Deutschland führen.

TOP: Erkennt die Politik diese strukturellen Veränderungen im Mittelstand?

Bietmann: Die Relevanz der Unternehmensnachfolgen im Mittelstand rückt zunehmend in den Fokus politischer Betrachtung. Die Bundesregierung fordert Kammern, Verbände, Berufsorganisationen und so weiter auf, den Prozess der Unternehmensnachfolge beratend zu begleiten. So wird ein differenziertes Netzwerk beratender Hilfen für Nachfolger und Existenzgründer angeboten, beginnend mit Darlehensprogrammen für ERP Gründerkapital der bundeseigenen KfWBank bis hin zum Gründercoaching mit der finanziellen Förderung von Unternehmensberatungen (siehe: www.gruendercoaching- deutschland.de).

TOP: Was muss ein Unternehmer bei seiner Entscheidungsfindung beachten?

Bietmann: Nur wer frühzeitig tätig wird, sich umfassend informiert und loslassen kann, wird die richtige Entscheidung bei Übergabe des Unternehmens treffen. Unverzichtbar ist in jedem Fall die vertrauensvollen Zusammenarbeit mit rechtlichen und steuerlichen Beratern. Es bedarf gebündelter Kompetenzen in den Bereichen Steuer-, Arbeits-, Gesellschafts- und Erbrecht.

TOP: Ist die Veräußerung von Unternehmen nicht häufig auch ein Baustein von Altersvorsorge für Mittelständler?

Bietmann: Richtig ist, dass die Unternehmensübertragung häufig der Altersvorsorge dient und den Ruhestand finanziert. Insoweit sollte genau geprüft werden, ob das Unternehmen insgesamt übertragen wird oder ob ein schrittweiser Übergang anzustreben ist. Hierfür bedarf es der rechtlichen Voraussetzungen, insbesondere der geeigneten Unternehmensform. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass
der steuerliche Freibetrag für Veräußerungsgewinne gemäß § 16 EStG nur einmal gewährt wird.

TOP: Wie ist es mit der Nachfolge in der Familie?

Bietmann: Gut 50 Prozent der Nachfolgen werden in der Familie geregelt. Aber auch bei der Familiennachfolge ist qualifizierte rechtliche Beratung zwingend. Insoweit gibt es differenzierte Lösungsmodelle, beginnend mit der Übertragung von Gesellschaftsanteilen in Schritten bis hin zur vorweggenommenen Erbfolge beziehungsweise Schenkung. Wer sich mit dem Gedanken der Nachfolgeregelung in der Familie trägt, sollte ferner berücksichtigen, dass das seit 2009 geltende Erb- und Schenkungssteuerrecht mit den Begünstigungen bei der Übertragung betrieblichen Vermögens erneut   auf dem Prüfstand steht und Anfang 2014 durch das Bundesverfassungsgericht neu entschieden wird. Alles in allem gilt: Guter Rat mag teuer sein. Er ist aber im Vergleich zu den Schäden eines nicht überlegten Überganges unverzichtbar.

 
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Nur wer frühzeitig tätig wird, sich umfassend informiert und loslassen kann, wird die richtige Entscheidung bei Übergabe des Unternehmens treffen.

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