Print lebt!

November 2017 / Gesellschaft
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Print lebt!

November 2017 / Gesellschaft 

Der Begriff „Revolution“ lässt sich als grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme definieren, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt. Einige der größten Veränderungen für den modernen Menschen brachten vermutlich die sogenannten „Medienrevolutionen“ mit sich. So ermöglichte die Entwicklung der Schrift, das gesprochene Wort und alles, was mit Hilfe von Sprache übermittelt wurde, festzuhalten und somit zu konservieren. Ein nächster Schritt war die Erfindung des Buchdrucks, der die Reproduktion und Verbreitung von niedergeschriebenem Wissen vereinfachte. Vor allem die Ideen Johannes Gensfleischs – besser bekannt als Gutenberg –, der sowohl auf bewegliche Metallletter als auch auf eine mechanische Druckerpresse und ölhaltige Druckerfarbe setzte, stießen vor fast 600 Jahren eine bis heute beeindruckende Revolution an.

Wiege der Wissensgesellschaft

Erst die Innovationen des gewitzten Geschäftsmannes erlaubten so etwas wie Massendrucke und die rasante Verbreitung des geschriebenen Wortes. Zunehmende Alphabetisierung und immer besser werdende Bildung gehörten zu den gravierenden Folgen. Auch das Etablieren von Archiven und Bibliotheken wäre ohne den Print-Pionier anders verlaufen. Seit rund drei Jahrzehnten vollzieht sich mit der fortschreitenden Digitalisie-rung eine weitere Medienrevolution, die Zukunftsvisionen sowie unbehagliche Utopien generiert. Während das Internet unendlich viele Möglichkeiten zu Austausch, Verbreitung, Verarbeitung und Beschaffung von Informationen bietet, halten Kritiker die digitale Revolution für das Ende der gedruckten Medien. Das liegt nicht nur an der unfassbaren Geschwindigkeit, mit der Daten durch das Netz strömen. Zudem hat sich der Zugang zum geschriebenen Wort gewandelt. Neuigkeiten werden via Smartphone und Tablet gelesen, Post am Computer verschickt und Bücher oder Magazine kommen in schicken E-Versionen auf dem Reader daher. Scrollen, Klicken und Tappen ersetzen das Blättern. Bei diesem Gedanken erschauern nicht nur Buchliebhaber, Bibliothekare und Schriftsteller. Auch bei Verlegern löste der Gedanke an das Ende der gedruckten Publikation schon Unbehagen aus – zu Unrecht, wie aktuelle Studien mehr und mehr aufzeigen.

Print lebt weiter

Für den Verleger des Top Magazin Köln, Rainer H. Schillings, ist die Zukunft der Printmedien zweigleisig. „Ich glaube nicht, dass Print stirbt. Studien belegen, dass Bücher ebenso wie periodisch erscheinende Magazine in gedruckter Form nach wie vor nicht nur gefragt sind – sie erfreuen sich einer wieder steigernden Beliebtheit. Natürlich kann kein Medium mit der Schnelllebigkeit und Vielfalt des Internets mithalten, was wohl vor allem tagesaktuelle Zeitungen spüren. Geht es um das Le-seerlebnis, macht der Bildschirm aber den bedruckten Seiten ihre Vorrangstellung kaum streitig. Gerade in der Wohlfühl- Zone des Alltags greifen die Menschen lieber zu Gedrucktem – zu Büchern und hochwertigen Zeitschriften. Deswegen erscheint es mir wichtig, gedruckte Formate bewusst zu pflegen und lebendig zu halten. Aber auch in Sachen Digital sollte man dem Zeitgeist folgen. Daher gibt es das Top Magazin nicht nur auf hochwertigem Papier, sondern eben auch als E-Ausgabe für das iPad.“ Zu Zeiten Gutenbergs war es unvorstellbar, dass es überhaupt einmal andere Informationsträger als Schrift auf Papier geben könnte. Da stellt sich die Frage, was der Vater des Buchdrucks wohl zur heutigen Medienlandschaft sagen würde. „Wenn Gutenberg im Jahr 2017 plötzlich wieder erwachen würde, liefe er wahrscheinlich in die nächste Kirche und betete, dass dieser Traum ein schnelles Ende findet“, lacht Schillings.

Gutenberg und die Digitalisierung

Wäre es aber möglich dem Medienrevolutionär gegenüberzutreten und zu erklären, auf welch unterschiedlichen Wegen Schriftsprache heutzutage festgehalten und weitergegeben werden kann, geriete Gutenberg sicher ins Staunen. Dass seine Erfindung – ursprünglich wohl eher eine findige Idee, um das Bedarfspotential an schriftlichen Dokumenten zu erschließen und so sein Geschäft anzukurbeln – einmal als Grundlage der heutigen Wissensgesellschaft gilt, das wäre für ihn sicher eine große Überraschung. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass er als Vordenker seiner Zeit auch heute Veränderungen nicht fürchtet. Aber bestimmt würde er die Generation der sogenannten Digital Natives mahnen, sich mit Büchern und Gedrucktem zu befassen, deren Wert schätzen zu lernen und der viralen Informationsflut kritisch gegenüberzustehen. So schnell wie Texte sich im Netz verbreiten, so schnell können sie bearbeitet, uminterpretiert und auch verfälscht werden. Dementsprechend liegt es in der Verantwortung von Medienmachern gewissenhaft zu arbeiten und die Stärken von Print ebenso wie von Digital mit Bedacht zu nutzen“, resümiert der Top-Verleger. So bleibt die Bedeutung des buchstäblichen „Schwarz auf Weiß Geschriebenen“ bestehen, Print bleibt lebendig und digitale Medien finden ihren Platz in der Wissensgesellschaft. Das hat aktuell sogar schon zu einem Umdenken in der Werbeindustrie geführt. War dort bis vor kurzem Digital das einzig selig machende, so fließen nun wieder vermehrt massive Werbemittel in Print – vor allem in den Bereich der Periodika wie Zeitschriften und Magazine. Hier, so weiß man nun (wieder), erreicht man den Leser in einer Phase der tiefen Entspannung und erlangt somit mehr Aufmerksamkeit.

 

»Bücher und Magazine sind nicht nur gefragt – sie erfreuen sich wieder steigernder Beliebtheit.«

 

Online statt Ausleihen

Die Erfindung der Druckerpresse durch Johannes Gutenberg gilt als Initialzündung für eine ganze Welle an Innovationen in Sprache, Bildung und Wissen. Ohne das von ihm entwickelte Verfahren zur Reproduktion von Texten, wären Zeitungen, Magazine und Bücher, wie sie heute üblich sind, undenkbar. Damit hat er einen der wichtigsten Grundsteine zur Wissensarchivierung geleistet, denn ohne Bücher gäbe es keine Bibliotheken. Über das Bibliothekswesen der Antike ist nur wenig bekannt. Fest steht, dass der Zugang zu Sammlungen von Schriftstücken vor allem den Gelehrten und wohlhabenden Bürgern vorbehalten war. Im Zuge der spätantiken Völkerwanderung sind unzählige wertvolle Stücke solcher Sammlungen für immer verloren gegangen.  Während im Mittelalter insbesondere die Klöster Bibliotheken unterhielten, erlaubten die Gutenberg’schen Druckverfahren, dass nun auch außerhalb von klerikalen Stuben Schriften vervielfältigt werden konnten. Somit wurde das Sammeln von Schriften vereinfacht. Mit der Reformation Martin Luthers gingen viele Bibliotheken an die Städte und Kirchen über, und bald schon waren Leseräume für ein öffentliches Publikum geöffnet.

Vom Wissenshort zum Netzwerkknoten

Heute existieren allein in Deutschland über 10 400 Bibliotheksstandorte. Sie alle erfüllen den Zweck, ihren Benutzern Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Das Prinzip ist gefragt wie eh und je. So zeigen Statistiken, dass im Jahr 2016 etwa 120 Millionen Besuche in öffentlichen Bibliotheken gezählt wurden. Dennoch spielen digitale Medien neben den klassischen Buch- und Zeitschriftensammlungen eine immer größer werdende Rolle – und hier stellt sich die Frage, in wie weit die Digitalisierung zur Gefahr für Printmedien wird. Die Befürworter der Printmedien sehen darin mithin kein „entweder oder“. So seien Bibliotheken und Büchereien keine Museen für Schriftstücke, sondern Bildungsstätten. Medien wie das Internet aber auch die riesigen Speicherkapazitäten von digitalen Datenträgern erweitern dazu ergänzend den Informationsfundus und bereichern ihn. Stichwortsuchen lösen Karteikartensysteme ab, digitale Artikel regen dazu an, das entsprechende Buch genauer zu betrachten, ein Autor verweist auf den nächsten – die Kunst ist, Print und Digital als Informationsquellen miteinander zu verbinden. Überdies muss es den Bibliotheken gelingen, für sich selbst neue Aufgaben zu definieren. Skandinavische Länder machen derzeit vor, wie das aussehen könnte. Dort haben sich die Wissenshorte zu lebendigen Treffpunkten entwickelt. Es geht um Begegnung, Austausch, Informationen und Netzwerken. Wenn es dann gelingt, die moderne Meetingplace-Mentalität mit der Tradition des Sammelns von Wissen zu kombinieren, dann bleiben Bibliotheken auch in Zukunft fester Bestandteil der Bildungslandschaft. N 

In Zeiten von Web 2.0 und unendlichem Datenfluss stehen traditionelle Bibliotheken vor einer Reform.

 

»Kein Medium kann mit der Schnelllebigkeit und Vielfalt des Internets mithalten.«

 
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