Wie viel Event verträgt der Karneval?

Januar 2016 / Karneval
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Wie viel Event verträgt der Karneval?

Januar 2016 / Karneval 

Karneval, Fasching oder Fastnacht – diese Begriffe stehen nicht nur für Brauchtum, Tradition und Volksfest. In einer Zeit des steten Wandels, in der sowohl kulturelle als auch gesellschaftliche Veränderungen regen Einfluss auf die Pflege der regionalen Gebräuche haben, erscheint der Karneval als Wirtschaftsfaktor immer wichtiger und somit attraktiver. Allein in Köln wird im Rahmen der verschiedenen Veranstaltungsformen ein durchschnittlicher Umsatz von satten 450 Millionen Euro erwirtschaftet. Diese enorme Wirtschaftskraft des Volksfestes Fasteleer ruft zunehmend findige Geschäftsleute auf den Plan, die ganz nach der Devise „schöner, bunter, mehr“ die Kommerzialisierung des althergebrachten Brauchtums vorantreiben. Ihnen gegenüber stehen Traditionalisten, Gesellschaften und leidenschaftliche Jecke, die um den ursprünglichen Charakter der fünften Jahreszeit fürchten und gar den Verfall des Karnevals beschwören.

Auch Günter Schenk, Mainzer Journalist, Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht im Bund Deutscher Karneval und ausgewiesener Experte für närrisches Brauchtum, sieht den wachsenden Event-Charakter des Mummenschanzes kritisch. „Im Grunde ist die Abgrenzung zwischen der Fastnacht und dem Event klar“, sagt Schenk. So zeichne sich der Karneval durch sei-ne Einzigartigkeit aus, wohingegen ein Event auf Profit ausgerichtet sei und stets nach neuen Superlativen strebe. „Doch die Übergänge sind fließend und oft ist nicht mehr auszumachen, wo der Fasching endet und das Event beginnt.“ Die Tatsache, dass es nun gerade der Kölner Karneval auf die Liste des immateriellen UNESCO-Welterbes geschafft habe, sei dabei eine große Chance.

„Köln und die Region haben eine Vorbildfunktion inne. Nur der bewusste Umgang mit den über Generationen gepflegten Traditionen kann langfristig die unverwechselbare Eigenart des Karnevals lebendig halten“, so die These Schenks. Dies haben einige Gesellschaften bereits erkannt und beispielsweise Flüster- oder Nostalgiesitzungen in ihr Programm aufgenommen. Dabei gibt es unter dem Motto „weniger ist mehr“ eine Rückbesinnung auf die traditionellen Formen der Fastnacht. „Karneval ist ein Fest, das den Menschen nicht gegeben wird, sondern das sie sich selbst geben“, soll schon Goethe gesagt haben. Demnach ist es, laut Günter Schenk, dringend notwendig, zu den Wurzeln des Karnevals zurückzukehren und die Menschen zum gemeinsamen Feiern und dem fröhlichen Miteinander zu bewegen – fernab von austauschbarem Programm und immer wiederkehrendem Event-Einheitsbrei des Kommerz. 

 
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