„Das Glück der Erde ...

November 2016 / Karneval
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„Das Glück der Erde ...

November 2016 / Karneval 

Rats-Entscheid über Pferde im Rosenmontagszug!

 

Wieder ein Antrag an die Stadt Köln, Pferde im Rosenmontagszug zu verbieten. Gestern hat der Rat der Stadt Köln zu Gunsten der Teilnahme entschieden und wir können uns wieder auf die schmucken Reitercorps im Zug freuen. Wir, das TOP MAGAZIN Köln, haben uns schon vor zwei Jahren intensiv mit diesem Thema auseinander gesetzt und einige Experten-Meinungen dazu eingeholt. Außerdem besuchten wir einen der Reit- und Ausbildungsbetriebe, die auch für den Kölner Rosenmontagszug Pferde stellen, um uns die Ausbildung vor Ort anzusehen. Dort durften wir den Reiterinnen und Pferden des I. Amazonencorps der Stadt Krefeld 1977 e.V. bei ihrem Training zusehen. 

Für die Tiere selber, die von Natur aus Fluchttiere sind, das heißt die jedem unbekannten Geräusch oder jeder außergewöhnlichen Situation zunächst durch Weglaufen begegnen wollen, bedeuten solche Umzüge eine besondere Belastung. Weil die Pferde aber trotz der für sie ungewöhnlichen Umgebung offenbar ganz ruhig ihres Weges ziehen, vermuten Einige, dass die Tiere künstlich, zum Beispiel durch Medikamente, beruhigt werden. Der Fachmann spricht von „sedieren“. Ganz so weit hergeholt ist dies nicht. Denn tatsächlich gab es bis vor einigen Jahren Anbieter für Reitpferde, die ihre Tiere mit medikamentösen Mitteln ruhig stellten. „Ein so behandeltes Tier stellt jedoch für Reiter und Zuschauer, eine unberechenbare Gefahr dar“, weiß auch Christoph Kuckelkorn und ergänzt: „Auch wir in Köln haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit dem Zustand der Pferde oder auch der Reiter machen müssen. Deshalb wird heute sehr genau und professionell kontrolliert!“

Überprüfungen

Seit einigen Jahren ist zu jedem Rosenmontagszug ein ganzes Heer von Veterinären und Fachleuten damit beschäftigt, die „Zugfähigkeit“ von Pferd und Reiter vor Zugbeginn genau zu prüfen. Für die Zugleitung des Festkomitees Kölner Karneval koordiniert Frank Dorf, im Hauptberuf Leiter des Gestüts Röttgen, die Überwachung von Pferd, Reitern und Kutschern. Am Rosenmontag kontrolliert das städtische Veterinäramt mit mehreren Mitarbeitern bei der Aufstellung die Tiere. Aber auch die Reiter oder die Fahrer der Kutschen werden geprüft. Schon im Vorfeld müssen sie ihre Qualifikation nachweisen, zum Beispiel durch eine Mindestanzahl von Reit- oder Fahrstunden, die im Jahr absolviert werden müssen. Auch gilt ganz besonders für sie ein striktes Alkoholverbot im Zug, dass gegebenenfalls auch kontrolliert werden kann. Für Not- und Unfälle hält die Zugleitung sogar einen Not(-tier-)arzt mit einem Pferderettungswagen vor.

 Eleganz zu Pferde: Die berittene Abteilung der Damen-KG Columbina Colonia e. V. von 1999
Training, Training, Training

Doch wie bekommt man ein Tier, das von Natur aus immer sein Heil in der Flucht suchen würde, dazu, sich ruhig durch einen mehrere Kilometer langen Weg inmitten von hunderttausenden lärmenden, singenden und tanzenden Menschen zu bewegen. Hierzu sprach das TOP MAGAZIN mit einen der größten und begehrtesten Anbietern von Reitpferden für Großveranstaltungen: Alois Schweckhorst. Auf seine Pferde vertrauen unter anderem in Köln die berittene Standartengruppe oder die Reiterinnen der „Colombinen“. Der 62-jährige Pferdewirt und Trainer ist Inhaber des Gestüt Schweckhorst in Haldern am Niederrhein. Hier werden schon in der zweiten Generation Pferde für ihren Einsatz im Karneval oder auf Schützenfesten, zu Martinszügen oder auch für Filmaufnahmen trainiert. Über 50 der edlen Vierbeiner stellt das Gestüt Schweckhorst alleine für den Kölner Rosenmontagszug jährlich zur Verfügung. „Beruhigungsmittel sind ein absolutes Tabu!“, so Alois Schweckhorst. „Wie beim Menschen wirken solche Mittel je nach Tier höchst unterschiedlich. Im Einzelfall kann dies dazu führen, dass ein Pferd völlig apathisch stehen bleibt und nicht mehr von der Stelle zu bewegen ist, und ein anderes, mit der gleichen Dosis behandeltes Tier, unkontrollierbar wird. Beides kann in einem laufenden Zug zur Gefahr werden. Deswegen gibt es nur ein Mittel die Tiere für solche Situationen vorzubereiten, und die heißt – Training, Training, Training“, erklärt Schweckhorst. Und zwar für Pferd und Reiter! Das bestätigt auch Günter Hebben, der seit über fünf Jahren im Hause Schweckhorst ebenfalls ausbildet: „Neben dem normalen Reittraining mit den späteren Reitern in Umzügen, probieren wir ständig auch die Besonderheiten, die ein solcher Zug oder eine Parade mit sich bringen: Das Reiten in enger Formation, langes Stehen, die Begegnung mit Zuschauern oder plötzlich auftretende laute Störgeräusche.“ „Das Pferd ist seit jeher ein Arbeitstier. Wenn man die Tiere ständig mit solchen Situationen konfrontiert, gewöhnen sie sich daran, erschrecken nicht und verhalten sich schließlich nicht anders, wie auf einem ruhigen Spazierritt durch den Wald“, so der Trainer und aktive Turnierkutscher weiter. „Schließlich kann man ein Polizeipferd auch erst dann bei einer Demonstration einsetzen, wenn es jahrelang dafür ausgebildet ist“, fügt Hebben hinzu. „Bei der Ausbildung nutzen wir auch den ausgeprägten Herdentrieb der Pferde. Immer wieder stellen wir junge, unerfahrene Tiere neben ältere, die schon viele Umzüge hinter sich haben. So lernen die jüngeren Tiere, auch durch das Verhalten der älteren, ruhig zu bleiben“, ergänzt Schweckhorst sein Konzept.

Reitpferd ist nicht Zugpferd

Wichtig ist auch, dass die Tiere an immer wechselnde Reiter gewöhnt werden. „Wenn ein Pferd zeitlebens nur von einem Reiter bewegt wird, kann es einem fremden Reiter, selbst wenn dieser sehr erfahren ist, erhebliche Probleme bereiten“, so der Pferdeexperte. „Zu einer guten Vorbereitung der Tiere gehört aber schon die richtige Auswahl. Denn nicht jedes an sich gute Reitpferd ist auch für die Ausbildung zu einem ,Umzugspferd‘ geeignet. Wir merken sehr schnell an der Reaktion, ob Tiere sich für den Einsatz eignen oder nicht. Letztere werden dann sofort weiter verkauft und gehen gar nicht erst in den Verleih“, unterstreicht Schweckhorst. Um diese Eignung festzustellen kann es auch schon einmal vorkommen, dass der erfahrene Züchter und Trainer mit einer Trommel, einem Eimer oder einer Rassel mitten in der Nacht durch die Stallungen geht und unvermittelt Krach schlägt. Ältere, erfahrenere Tiere quittieren die Störung ihrer Nachtruhe höchstens durch einen Augenaufschlag, während andere durchaus heftig in ihren Boxen scheuen. „So weiß ich dann genau, an welchen Tieren wir noch arbeiten müssen oder welche gut auf ihren nächsten Einsatz vorbereitet sind“, schließt Alois Schweckhorst. Für die optischen Trainingseindrücke zu dieser Story durften wir ein Training des „1. Amazonencorps der Stadt Krefeld“ in der Reithalle Schweckhorst besuchen (siehe Bilder vorherige Seite). Die chicen Damen-Husaren führen seit vielen Jahren den Krefelder Rosenmontagszug auf Pferden von Alois Schweckhorst an. Und ebenso wie zum Beispiel die Reiterinnen der Kölner „Colombinen“ trainieren sie regelmäßig auf dem Gestüt. Unsere Bilder zeigen deutlich, welche Aufgaben Pferd und Reiterin dabei zu meistern haben. Aus gutem Grund, denn bei den vielen Karnevalsumzügen des Rheinlandes, besonders aber beim Kölner Rosenmontagszug, soll es ja weiterhin heißen: „Das Glück der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde.“

Dunkelheit, Regen, Rauch und Feuer: Für Pferd und Reiter(in) eine echte Herausforderung

 

 

 

Kommandeuse vorweg: Traben in geschlossener Marschformation

 

 
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Die TOP Redaktion bedankt sich bei den Reiterinnen des „I. Amazonencorps der Stadt Krefeld“ für die  reundliche Unterstützung bei diesem Artikel.