»Alles hat seine Zeit«

Januar 2016 / Interview
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»Alles hat seine Zeit«

Januar 2016 / Interview 

Interview mit Monsignore Robert Kleine, Dom- und Stadtdechant sowie „Feldhillijer“ der Altstädter

 

Die meisten Kölner dürften ihn um seinen Arbeitsplatz beneiden: Denn als Dom- und Stadtdechant schaut Monsignore Robert Kleine von seinem Büroschreibtisch quasi direkt auf den nur wenige Meter entfernten mächtigen Kölner Dom. Er selbst bezeichnet „seinen Job“ als die schönste geistliche Aufgabe nach dem Papstamt. Im „Top Magazin Köln – Die fünfte Jahreszeit“ spricht Msgr. Kleine über die engen Verbindungen zwischen Kirche und Karneval, die er als „Feldhillijer“ der Altstädter wie kaum ein zweiter kennt. „Kirche und Karneval gehören zwingend zusammen“, sagt Robert Kleine und begründet es zunächst auf „ganz profaner“ historischer Ebene. Denn die „tollen Tage närrischen Treibens“ liegen nicht zufällig direkt vor der Fastenzeit. Karneval und Fastnacht haben ihre Wurzeln in der christlichen Religion.

Kirche und Karneval gehören zwingend zusammen.

Schon im Mittelalter bereitete man sich auf die Fastenzeit vor, indem man vorher noch einmal bewusst und intensiv feierte. „Fastnacht bedeutet im wörtlichen Sinne ‚Nacht vor dem Fasten‘ – und Karneval setzt sich aus dem Lateinischen ‚carne vale‘ zusammen, was übersetzt ‚Fleisch, lebe wohl‘ bedeutet“, erklärt der Domdechant. Gäbe es keinen Aschermittwoch (den Beginn der 40-tägigen Fastenzeit), dann gäbe es auch keine Fastnacht und keinen Karneval. Diese Zeit ausgelassen und fröhlich miteinander zu feiern, sei eines der Grundprinzipien des Festes.

Zukunft gründet auf Herkunft

Ähnlich wie Weihnachten trete beim Karneval mittlerweile der eigentliche Festgrund in den Hintergrund. „Für das Bewusstsein ist er aber immens wichtig: Das hat mit dem christlichen Glauben zu tun. Nur wer seine Herkunft kennt, kann seine Zukunft gestalten“, sagt Msgr. Kleine. „Prima, dass der Kardinal seit vielen Jahren im Dom einen Gottesdienst mit den Karnevalisten feiert, der diese Herkunft fröhlich und bunt vor Augen führt. Der Geistliche selbst ist ein glühender Karnevalsfan. Bei den Altstädtern fungiert er seit 2013 als „Feldhillijer“ und pflanzt gewissermaßen den christlichen Gedanken ins Traditionskorps ein – wobei allerdings jedes Kölner Traditionskorps über „geistlichen Beistand“ verfügt. „Der Karneval in den Korps ist ja eine Veräppelung auf das preußische Militärtum – deswegen gibt es immer noch die parodistischen Varianten der Hofapotheker, der Regimentsköche, der Generalpostmeister und eben der Militärgeistlichen“, erklärt Kleine.

Dass er sich den grün-roten Stadtsoldaten zugehörig fühlt, ist ebenfalls historisch gewachsen: Immerhin fungierte sein Amtsvorgänger Rochus Witton ebenfalls bei den Altstädtern – ganze 40 Jahre lang. „Da ist es naheliegend, dass ich die Tradition fortsetze. Ob ich aber auch auf 40 Jahre komme, weiß ich noch nicht“, lacht der Kirchenmann verschmitzt.

Gerne habe ich mich von der Freude mitreißen lassen, die das närrische Fest verbreitet

Seit nunmehr 17 Jahren wohnt Kleine in Köln, arbeitete damals als Domvikar und Schulseelsorger an der Domsingschule in Lindenthal. „Wir haben Karneval gefeiert und sind in den Schull- und Veedelszöch mitgegangen. Später war ich das eine oder andere Mal bei der KG Kölsche Grielächer im Rosenmontagszug mit dabei. Gerne habe ich mich von der Freude mitreißen lassen, die das närrische Fest verbreitet“, so der Kirchenmann.

Bei den Altstädtern fallen dem Feldhillijen mehrere (ehrenamtliche) Aufgaben zu: Er zelebriert die Regimentsmesse im Dom (unter Beteiligung der Regimentskapelle), segnet die Wagenflotte, spricht einen kleinen humorvollen Gruß bei der Jahreshauptversammlung und ist gerne bei Hochzeiten und bei Taufen vonKorpsangehörigen zur Stelle – jüngst traute er das Altstädter- Tanzpaar Stefanie Pütz und Jens Scharfe.

Die Narrenmütze wirkt untereinander sehr verbindend

„Das Amt des Feldhillijen gibt mir die Gelegenheit, dort zu wirken, wo die Kirche nicht so präsent ist. Normalerweise bin ich halt im Dom aktiv – aber durch den Karneval bin ich auch vor Ort und habe die Chance, Menschen zu erreichen, die keinen größeren Bezug zur Kirche haben. So bekomme ich einiges vom Leben in der Stadt mit und bin zugleich Ansprechpartner für die Kameraden. Und wenn jemand Antworten in Glaubensfragen sucht, kann ich meine Hilfe anbieten“, sagt Kleine. Die Narrenmütze wirke untereinander sehr verbindend und mindere die „Hemmschwelle“, einen Kirchenmann anzusprechen, im positiven Sinne.

Im Karneval ist Robert Kleine manchmal als Geistlicher zu erkennen – auch wenn er beispielsweise bei der Prinzenproklamation im Gürzenich die Mütze der Altstädter trägt. „Bei Kostümsitzungen schlüpfe ich aber sehr gerne ins Kostüm und laufe eine Zeitlang unerkannt herum“, lacht der Domdechant und erinnert sich an einige nette Anekdoten. Mit Zottelperücke, Hornbrille und Hawaiihemd ausgestattet erkannte ihn einst nicht einmal eine gute Freundin – und als Köbes mit Perücke versuchte er frech, an einem Altstädter-Tisch die Rechnung einzutreiben, bevor er sich zu erkennen gab. „Den Spaßvogel kann ich ja ansonsten so selten mimen“, meint er. Schon zu Schulzeiten hat Robert Kleine humorvolles Talent bewiesen. Dort schrieb er für die Schüler-Zeitung „Läster-Journal“ und reiste auch mal heimlich dem Kollegium beim Lehrerausflug hinterher, um „spannende Enthüllungsstorys der lusti gen Art“ zu veröffentlichen.

Und im Neusser Karneval stieg er als Stadtpatron Quirinus von der Kuppel des Münsters in die Bütt, um die Stadtgeschehnisse durch den Kakao zu ziehen. Dazu ist er Träger des „Rekelieser-Ordens“ der Neusser Heimatfreunde, der für liebevolles Lästern vergeben wird. Wie eine große, friedliche Bürgerbewegung Am Karneval beeindruckt den Geistlichen vor allem, dass dieser es schafft, die ganze Stadt inklusive der Veedel ins Fest einzubinden: „Der kölsche Fastelovend ist wie eine große, friedliche Bürgerbewegung von der Veedelskneipe bis in den Gürzenich“, sagt Kleine. Und Feiern gehöre zum Menschsein – gerade auch für Christen. Immerhin habe sogar Jesus seinerzeit Wasser in Wein verwandelt, damit ein Hochzeitsfest kein abruptes Ende fand, zitiert Robert Kleine die Bibel.

Karneval sei ein Fest der Freude, ein harmonisches Fest, „man feiert zusammen und setzt nicht auf Vereinsamung und Vereinzelung“. Bewusst einen über den Durst zu trinken, sich gehen zu lassen, die eigene (oder eines anderen) Ehe zu gefährden, das hat für ihn daher nichts mit echtem Karneval zu tun. Denn Karneval sei kein Freifahrtschein, bei dem man jeden Verhaltenskodex über Bord werfen dürfe und es später dem Nubbel anhängen könne: „Karneval ist da keine Entschuldigung.“ Feiern auch in schweren Zeiten Auf die Frage, ob man in schlimmen Zeiten, wenn auf der Welt Kriege gefochten werden, in Köln unbeschwert Karneval feiern dürfe, hat Monsignore Robert Kleine eine klare Antwort: „Man MUSS es sogar.“

Karneval sei nicht oberflächlich, er denke auch an die Menschen, denen es nicht gut geht: „Es gibt so viele caritative Dinge im Kölner Karneval, die dabei helfen, Leid zu lindern und anderen Freude zu schenken.“ Noch einmal zitiert er die Bibel – und zwar das Buch Kohelet, Kapitel 3, Vers 4: „Es gibt für alles eine Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, (…) eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.“

Ich bütze sogar evangelische Jeckinnen

Übrigens: Bützen ist für den Kirchenmann völlig in Ordnung. „Das ist ja nichts Ehrenrühriges. Ich bütze sogar evangelische Jeckinnen“, scherzt Kleine. Den Menschen, die Karneval für primitiv halten, setzt er dessen vielfältige Formen entgegen: „Karneval  kann sehr geistvoll sein – er ist eine positive Community, manchmal sogar eine Hilfsorganisation.“ Er überbringe eine „frohe Botschaft“ und erleichtere die Freude. Er sei nicht verordnet oder terminierter Frohsinn – er sei gelebte Lebensfreude, sagt der Domdechant, , der gerne mal ein Kölsch oder einen trockenen Weißwein genießt. Übrigens: Der Messwein im Kölner Dom ist ein trockener Grauburgunder aus Franken. „Denn der Domdechant entscheidet über die Weinsorte, weil er für Liturgie und Einkäufe verantwortlich ist.“.

 Bei aller Freude sieht Robert Kleine allerdings auch Gefahren für das Volksfest: „Die voranschreitende Kommerzialisierung tut dem Gedanken nicht gut. Der Karneval darf seine Seele nicht verlieren – deswegen hat Sommerkarneval für mich nichts mit dem Fest an sich zu tun. Weihnachtsmärkte gibt es ja auch nicht im Juni.“ Karneval habe seine Tradition – und „wie gesagt: Alles hat seine Zeit“. „Na klar, Karneval ist auch ein Wirtschaftsfaktor – und bis zu einem gewissen Grad ist das auch in Ordnung. Aber das Wirtschaftliche darf nicht zum Maß aller Dinge werden“, sagt Robert Kleine und nimmt das Festkomitee Kölner Karneval in die Pflicht: „Es ist ja ein ‚festordnendes Komitee‘ – und als solches trifft es auf diesem schwierigen Weg hoffentlich stets die richtigen Entscheidungen.“

 
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