Unschlagbar effizient

November 2017 / Interview
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Unschlagbar effizient

November 2017 / Interview 

 Nicht erst seit dem Diesel-Abgasskandal sieht sich die Autoindustrie in den kommenden Jahr(zehnt)en mannigfaltigen Veränderungen ausgesetzt. Bei den Kölner Ford-Werken navigiert mit Gunnar Herrmann seit Anfang des Jahres ein neuer Mann an der Spitze durch die derzeit „stürmischen Gewässer“. Mit Ideen für intelligentes Verkehrsmanagement und einem hohen Maß an Innovation nimmt der neue „Vorsitzende

der Geschäftsführung der Ford-Werke GmbH“ in Köln diese Herausforderungen an.

Ja, eine gewisse Verunsicherung ist bei Diesel-Kunden natürlich zu spüren. Wer sich in den letzten Jahren einen neuen Diesel zugelegt hat, der befürchtet jetzt vielleicht, irgendwann wegen drohender Fahrverbote nicht mehr in die Stadt fahren zu dürfen“, berichtet Gunnar Herrmann. Allerdings meint der Ford-Werke-Chef auch, es sei etwas zu einfach, „den Diesel jetzt für alle Umweltbelastungen verantwortlich zu machen“ – zumal weltweit die meisten Städte hauptsächlich wegen der Verkehrsdichte und nicht vorrangig wegen der Emissionen der Fahrzeuge in Verruf geraten seien. „Wir haben bei unseren Fahrzeugen den Schadstoffausstoß in den letzten Jahren sogar um rund 60 Prozent reduziert“, beschreibt Herrmann die Situation. Wichtiger hingegen sei es, in Infrastrukturen zu investieren und der Verkehrsdichte in Ballungsräumen entgegenzutreten. „Unser Unternehmen befürwortet durchaus Angebote für Autofahrer, gewissermaßen vor der Stadt zu parken und sie auf andere Weise hinein zu befördern – obwohl wir ein Autohersteller sind“, sagt Herrmann. Deswegen sei ein konsequenter Ausbau von Bike-Sharing, Car-Sharing und innerstädtischen Fahrtwegen mit Bus und Bahn vonnöten. „Dazu gehört ein intelligentes Verkehrsmanagement in jeder Großstadt.“ Überdies sei die Entwicklung in der Autobranche weiterhin rasant: „In etwa 20 bis 30 Jahren sitzen viele von uns wahrscheinlich ganz entspannt in selbst fahrenden Autos, hören dabei Musik oder arbeiten mit dem iPad. Dann werden unter anderem die Parkhäuser in den Großstädten in reine Logistikzentren umgewandelt, was uns einen interessanten Strukturwandel beschert.“

Hin zur E-Mobilität

Zu diesem Strukturwandel gehört neben dem autonomen Fahren auch der fortschreitende Prozess zur E-Mobilität. So wird der Ford Focus Electric bereits seit 2013 im Werk in Saarlouis produziert. Bis 2021 sollen weitere 13 elektrifizierte Modelle dazukommen – „und natürlich arbeite ich daran, dass wir hier in Köln DER Standort für E-Mobilität werden“, blickt Herrmann in die Zukunft. Voraussetzung dafür seien eine hohe Flexibilität und die Bereitschaft zum Umdenken und Weiterlernen. Denn neben Ford Fiesta und Motoren könnten künftig Batteriepakete für Elektroautos auf der Kölner Produktionsagenda stehen. Das erfordere, künftig zum Thema Batterie-Technologien noch stärker zu forschen und auszubilden. Die Ford-Werke sind auf dem Weltmarkt zu Hause – aber ihre Bedeutung für den Standort Köln ist außergewöhnlich hoch. In Köln beschäftigt das Unternehmen knapp 19 000 Mitarbeiter (in ganz Deutschland sind es 25 000) und ist damit der größte Arbeitgeber der Region. „Wir legen Wert auf hohe Qualität – das fängt bereits bei einer hervorragenden Ausbildung an“, sagt Gunnar Herrmann. Mehr als 250 Ausbildungsplätze bieten die Ford-Werke jedes Jahr an. „Wer zu uns kommt, lernt fundiert und zukunftsorientiert – und bei uns sind nur die besten Ingenieure tätig. “ Immerhin sei der Kölner Standort die größte Entwicklungsstätte der Ford-Werke auf der Welt. Zwar seien die Lohnkosten verhältnismäßig hoch, „doch auch die Effizienz ist unschlagbar gut“, so der gebürtige Leverkusener. Rund 40 Prozent der produzierten Autos verlassen das Werk auf dem Wasserweg über den Rhein, 25 weitere Prozent über die Schiene und der verbleibende Rest über die Straße. „Das ist hocheffizient und für ein Werk mitten in einem Land phänomenal“, meint Herrmann, der selbst bei Ford von der Pike auf gelernt hat. Knapp neun Monate ist Gunnar Herrmann jetzt in seinem neuen Amt als Vorsitzender der Geschäftsführung verankert. Sein Amtseinstieg fiel in die Karnevalszeit. „Das stimmt. Mein erster offizieller Termin war die Wagenübergabe des Festkomitees Kölner Karneval im Kölner Karnevalsmuseum“, erinnert sich der 58-Jährige, der übrigens in der Session 2014 selbst als Karnevalsprinz von Leverkusen-Holzhausen fungierte. „Aber eigentlich gehöre ich eher zur beobachtenden Klientel in Sachen Karneval“, lacht er. Genauso verhält es sich mit seiner Liebe zum Fußball. Zwar ist er häufiger in der BayArena anzutreffen – aber hauptsächlich deswegen, weil man dort leichter an Karten komme als im Rhein-Energie-Stadion bei seinem Herzensklub, dem 1. FC Köln. Ihn fasziniere der Besuch im Stadion – die ausgelassene Stimmung zeichne die Stadt aus: Mit dem Slogan „Wir sind Köln“ könne sich irgendwie jeder Kölsche identifizieren. Und auch die Marke 1. FC Köln sei gut unterwegs – unter anderem mit Ford als Sponsor.

»Natürlich arbeite ich daran, dass wir hier in Köln DER Standort für E-Mobilität werden.«

 

Gedanken schlagen Wellen

Wie es auf dem für ihn neuen „gesellschaftlichen Parkett“ zugeht, beschreibt der Ford-Chef so: „Mittlerweile habe ich festgestellt, welche Wellen die Gedanken eines Ford-Geschäftsführers schlagen können. Früher habe ich immer gerne laut gedacht – heute gewöhne ich mich daran, auch mal etwas leiser zu denken.“ Und schon folgt solch ein „laut gedachter Gedanke“: Denn „eine Rheinfähre, die die linksrheinischen Ford-Werke mit dem rechtsrheinischen Ufer verbinden würde und die Mitarbeiter quasi über den Fluss zur Arbeit schippern könnte, wäre doch eine probate Idee“. Das hätte beispielsweise für die Mitarbeiter kürzere Wege zur Folge – und entlastet den Verkehr über die Rheinbrücke. Überhaupt ist der Rhein einer seiner Lieblingsorte. „Bevor ich abends nach Hause fahre, bleibe ich immer ein paar Minuten am Rheinufer stehen, betrachte diesen wunderbaren Strom und denke mir, dass man in Sachen Verkehrswege viel mehr daraus machen könnte. Aber das müssen andere Gremien diskutieren und entscheiden.“

Beispielsweise werden die Kölner Ford-Werke täglich von über 600 Lastwagen angefahren, die Materialien nach Niehl bringen. Weil sie derzeit die Leverkusener Brücke umfahren müssen, entstehen rund eine Million Euro an Mehrkosten pro Jahr, errechnet Herrmann. In Herrmanns noch recht kurze Amtszeit ist bereits ein wichtiger Fixpunkt im Unternehmen gefallen: die Markteinführung des neuen Ford Fiesta im vergangenen Juli. Das federführend in Köln entwickelte und produzierte Kleinwagenmodell ist so modern und fortschrittlich wie nie in das fünfte Jahrzehnt seiner Erfolgsgeschichte gestartet. Der Ford Fiesta ist inzwischen der einzige Kleinwagen, der in sämtlichen Modell-Varianten in Deutschland – nämlich in Köln-Niehl – produziert wird. Der Fiesta ist also … ein echter Kölner. Bis heute hat Ford über 17 Millionen Fiesta weltweit verkauft – von Niehl geht’s per Schiff, Lastwagen und über die Schiene in die Welt in über 60 Länder.

Soziale Verantwortung

Überall auf der Welt hat Ford einen guten Namen – in Köln ist es sogar ein Synonym für eine Lebenseinstellung. Denn dass Kinder und Kindeskinder von Ford-Angestellten ebenfalls den Weg zum Unternehmen finden, ist keine Seltenheit. „Es gibt bei uns sogar schon Mitarbeiter in der vierten Generation – das bedeutet für uns ein hohes Maß an sozialer Verantwortung“, sagt Herrmann. Er selbst fing übrigens 1979 als Auszubildender in Köln an und stieg nach seinem Fahrzeugbau-Studium in Hamburg und in Loghborough (England) im Ford-Entwicklungszentrum auf. Trotz seiner Größe habe das Unternehmen, so Herrmann, nie versucht, die Stadt zu dominieren. „Wir haben eine gute Balance gefunden, indem wir soziales Engagement in vielen Hilfseinrichtungen beweisen, den Karneval und auch den Sport unterstützen – aber wir treten auch für eine gute Wirtschaftsförderung der Stadt ein“, so der Valencia-Fan und passionierte Paella-Koch Herrmann. Unter anderem gesteht das Unternehmen seinen Mitarbeitern sogar zwei zusätzliche freie Tage zu, um sich ehrenamtlich sozial zu engagieren – beispielsweise in Kindergärten oder Hilfsorganisationen.

 

»Der Ford Fiesta ist der einzige Kleinwagen, der in sämtlichen Modell-Varianten in Deutschland produziert wird – in Köln-Niehl.«

 

 
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Kurzvita Gunnar Herrmann

Geboren am 22. Dezember 1959 Geburtsort: Leverkusen

Familienstand: Verheiratet mit Ehefrau Manuela, zwei erwachsene Kinder (Laura und Oliver)

Gunnar Herrmann übernahm am 1. Januar 2017 den Vorsitz der Geschäftsführung der Ford-Werke GmbH.

Gleichzeitig ist Herrmann weiterhin als Vice President Quality für Ford Europa tätig (seit September 2012).

Nach seinem Fahrzeugbau-Studium an der Fachhochschule Hamburg kam Herrmann 1986 zu Ford, wo er als Karosseriebauingenieur im John- Andrews-Entwicklungszentrum in Köln-Merkenich begann. 1989 studierte er berufsbegleitend an der britischen University of Loughborough, die er mit dem „Master of Science in Advanced Automotive Engineering“ abschloss. Im Verlauf seiner Karriere war er für Ford in Deutschland, Europa sowie den USA tätig. Von 2002 bis August 2012 verantwortete er als Vehicle Line Director die weltweite Produktentwicklung der Ford Focus-Plattform. Zuvor übernahm er verschiedene Positionen als Chefingenieur für die Produktentwicklung im C-Fahrzeugsegment und im Qualitätsmanagement in Europa.