Kuriose Feldforschung »medden us dem Levve«

November 2017 / Interview
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Kuriose Feldforschung
»medden us dem Levve«

November 2017 / Interview 

Auf dem Karnevalsparkett hat sich Wolfgang Nagel einen Namen gemacht – 28 Jahre lang war er Präsident der KG Löstige Ubier, noch heute leitet er die Sitzungen unter anderem der „Lachenden Kölnarena“ und der „Lachenden Philipshalle“ in Düsseldorf – und bis 2005 stand er 15 Jahre lang als Vorstandsmitglied im Festkomitee Kölner Karneval, zuletzt als dessen Vizepräsident, an vorderster Narrenfront. Im Laufe der Jahre ist er zu einem der wohl bekanntesten Moderatoren in Köln und Umgebung geworden.

Dass der Musiker und gelernte Schriftsetzer „auch anders kann“, beweist er mit seinem Kabarett-Ensemble „Medden us dem Levve“, das er 2006 aus der Taufe gehoben hat. „Kölsche Musik, kölsche Mentalität und die kölsche Sproch zusammenzuführen – das war das Ziel. Und keinesfalls Karneval zu adaptieren“, erinnert er sich. Mit Jörg Weber als musikalischen Leiter und Mundartautorin Elfi Steickmann („för de Sproch“) holte er sich zwei feste Größen ins Boot – und los ging’s an der „neuen Front“. „Unsere Premiere war damals 2007 im Altstadt- Theater im Söckchen – vor genau 16 zahlenden Zuschauern“, so Nagel, der quasi im Herbst seiner Laufbahn wieder zurückkehrte zu seinen Wurzeln. Und weil er aus Erfahrung wusste, dass es Zeit braucht, Formen der Kleinkunst auf der Bühne zu etablieren, ging es in kleinen Schritten weiter: Aus 16 Gästen wurden 30 – aus 30 wurden 50 – aus 50 wurden 100. Mittlerweile gibt das Ensemble, das sieben Personen umfasst, rund 20 Vorstellungen im Jahr mit zirka 4000 Besuchern. Spielorte sind unter anderem die Kölner Volksbühne am Rudolfplatz, das Capitol-Theater in Kerpen, das Berli-Theater in Hürth oder die Akademie för uns kölsche Sproch im Mediapark.

Alltäglichkeiten entdecken

Lieder und Texte erzählen von „Geschichten, die wir jeden Tag erleben“, berichtet Nagel. Und dazu betrieb er seinerzeit eine kuriose „Feldforschung“: Auf Beerdigungen oder in der Sauna schnappte er die Dinge auf, die die Menschen bewegten. „Bei meinem Hausarzt habe ich mich tagelang ins Wartezimmer gesetzt und einfach nur zugehört – dabei erkennt man sehr gut, was gerade Gesprächsthema op d’r Stroß ist“, so Nagel. Alltäglichkeiten zu entdecken – das war das kleine Erfolgsgeheimnis. Auf dieser Grundlage startete er nach zwei Jahren mit Elfi Steickmann das heute überaus beliebte „völlig bekloppte Zwiegespräch“ von Anton und Gertrud Kolvenbach – mit einem Riesenerfolg. „Denn jeder konnte sich in die Sorgen, Nöte und Gedanken dieser eigenartigen Kolvenbachs hineinversetzen“, sagt Nagel. Wer sich beim neuen Programm von „Medden us dem Levve“, das den wunderbaren Titel „Immer ess jet“ trägt, auf eine Fortsetzung gefreut hat, muss sich jedoch gedulden – denn die Kolvenbachs legen eine Pause ein. Stattdessen erblicken die Nachbarn der Kolvenbachs, die Schlömers, das Licht der kabarettistischen Welt. Die sind nämlich bei den Kolvenbachs zur goldenen Hochzeit eingeladen – auch wenn sie diese eigentlich gar nicht ausstehen können. In elf Jahren „Medden us dem Levve“ sind zahlreiche Lieder aus der Feder Nagels entstanden – weit über 100 hat das gesamte Ensemble komponiert und getextet. Die besten davon werden ab Frühjahr 2018 auf einer CD zu finden sein: „Ich bin jetzt alt jenoch“, heißt sie und trifft die Gemütslage des Ensemble-Gründers wie der sprichwörtliche Nagel auf den Kopf. „Musikalisch gibt es für mich kein Ende. Das ist wie ein guter Wein: Im Alter wird er reifer“, lächelt der 67-Jährige. Das Publikum entscheidet darüber, ob etwas gut ankommt oder nicht. So wird die Nummernrevue mit Kabarett-, Musik-, Text- und Humor-Beiträgen zu einem vergnüglichen Abend.

In keine Schublade stecken

„Wir sind zwar in keine Schublade zu packen – aber es macht Spaß, manchmal gewisse Schubladen bewusst zu bedienen. Das unterstreicht unsere Vielseitigkeit“, lobt Nagel das Ensemble, das sich als generationsübergreifendes kreatives Team präsentiert und sich gegenseitig zu Sonderleistungen animiert. „Die Jüngeren haben mich dazu gebracht, wieder Gitarre, Mundharmonika und Akkordeon zu spielen – die waren eigentlich schon eingemottet.“ Einmal neue Wege gehen, weil die anderen verbraucht sind – das ist Wolfgang Nagel und seinem Team, das alle zwei Jahre ein komplett neues Programm auf die Beine stellt, gelungen. „Texte, Humor und Musik machen unsere kölsche Sprache aus – und sie muss erhalten bleiben. Kölsche Sprache darf aber nicht nur peripher in Liedern stattfinden: Kölsch ist kein Dialekt oder eine reine Mundart, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine Sprache“, sagt der Ensemble-Chef. Zehn neue Musiktitel beinhaltet das neue Programm mit dem Titel „Immer ess jet“, darunter sogar ein A-cappella-Lied mit fünf Stimmen. Weitere Songs zeigen schon im Titel, dass „Medden us dem Levve“ einfach „mitten aus dem Leben“ berichtet: „Irjendeiner fingk et schön“, „Et Leech jingk us“ oder „All dat sin su Minsche“ sind Beispiele dafür. Und das Weihnachtsprogramm, das Ende November startet, heißt klangvoll: „Allt widder jeit e Johr zo Engk.“ „Ich bin kein Funktionär mehr und auch kein Entscheidungsträger im Karneval – das macht es mir leichter, einfach Spaß an der Musik und an den Moderationen zu haben“, sagt Wolfgang Nagel. Sich selbst ab und an neu erfinden, aber den eigenen Ansichten stets treu bleiben – das hat der 67-Jährige mittlerweile geschafft. n

 

»Kölsch ist kein Dialekt oder eine Mundart, sondern eine Sprache.“

 

http://www.meddenusdemlevve.de

 
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