»Die beste Idee zählt«

Juli 2017 / Interview
«

»Die beste Idee zählt«

Juli 2017 / Interview 

Einen wunderbaren Erfolg hat Henriette Reker im vergangenen Jahr bereits verbucht: Die Londoner „World Mayor Foundation“, die alle zwei Jahre herausragende Bürgermeister der Welt kürt, hat sie auf Platz 10 eingestuft. Der Grund: Die Kölner Oberbürgermeisterin habe schon vor ihrem Amtsantritt „unorthodoxe Maßnahmen zur Flüchtlingsunterbringung“ gefunden und gegen Diskriminierung und Rassismus gekämpft. Auch als Oberbürgermeisterin sei ihr Ansatz „menschlich und praktisch“ zugleich, sie setze „ein sehr positives Zeichen in schwierigen Zeiten“. Schwierig und voller Hindernisse waren die Zeiten um ihren Amtsantritt herum durchaus – einen Messerangriff überlebte sie schwerverletzt, die Aufarbeitung der Hängepartie um den Bau der Kölner Oper und auch die schlimmen Ereignisse der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof 2015 fallen in die ersten Monate ihrer Amtszeit. „Direkt am Anfang hatte ich das Gefühl, von einer Krise in die nächste zu geraten“, erinnert sich Reker. Doch sie weiß mit Situationen in solch schwierigem Fahrwasser souverän umzugehen und daraus neue, bessere Strukturen zu erarbeiten.

Gemeinsam die Dinge zum Positiven verändern

„Der Grund für die Kandidatur als Oberbürgermeisterin war mein großes Interesse an meiner Heimatstadt. Ich habe ja 35 Jahre nicht in Köln gelebt, und es war für mich ein Glücksfall, wieder hierher zurückzukehren“, berichtet die 60-Jährige, die vor ihrem Amt fünf Jahre lang als Sozialdezernentin tätig war. Sie glaube stets daran, dass alle gemeinsam die Dinge in Köln zum Positiven verändern können. „Immerhin ist Köln eine dynamisch wachsende Stadt und darauf werden wir uns einstellen. Wir stehen vor großen Aufgaben und das betrifft auch die Veränderung in der Verwaltung. Ich verstehe etwas von Verwaltung und habe mir zugetraut, vieles bewegen zu können“, so Reker. Als Oberbürgermeisterin ist sie „Chefin“ von rund 18 000 erwaltungsmitarbeitern, die ein finanzielles Gesamtvolumen von über viereinhalb Milliarden Euro pro Jahr bewegen. Vor allem sei die Verwaltung gefordert, den Bürgern bestmögliche Rahmenbedingungen zu bieten. Deswegen sei es stets wichtig, immer wieder schlankere Prozesse zu formen. „Unternehmen ändern ihre Organisation alle paar Jahre, um schneller, effizienter sowie kunden- und serviceorientierter zu werden. Das ist auch die Aufgabe einer gut funktionierenden Verwaltung, die ja für den Bürger da ist“, sagt das Kölner Stadtoberhaupt. Deswegen arbeite sie stringent an einer Verwaltungsreform, um bei künftigen Themen wie der voranschreitenden Digitalisierung, dem weiter wachsenden Verkehrsvolumen oder der Frage nach frühzeitigen Bürgerbeteiligungen gewappnet zu sein. Ein Jahr lang ist Henriette Reker mit Stadtgesprächen durch alle Kölner Bezirke und Stadtteile „getourt“, um die Meinung der Bürger über deren Beteiligung bei wichtigen politischen und städtischen Fragen zu erfahren. „Es waren zumeist tolle Gespräche, die mir gezeigt haben, dass sich die Menschen sehr für ihre Stadt interessieren und sich durchaus auch ernste Sorgen um die Zukunft machen.“

Rollenklarheit zwischen Politik und Verwaltung

Henriette Reker legt Wert auf Unabhängigkeit: „Ich versuche die Stadt wie ein Unternehmen zu betrachten – es zählt die beste Idee, Unternehmenskultur, Fehlerkultur und auch eine gewisse Risikobereitschaft. Gerne bestärke ich Kollegen immer wieder, entscheidungsfreudiger zu werden.“ So fordert sie eine größere Rollenklarheit zwischen Politik und Verwaltung, die in der Vergangenheit in Köln etwas verwässert sei: Politik traue Verwaltung oft wenig zu – und Verwaltung nehme Politik oft nicht ernst. Beides seien genau die falschen Wege. Deswegen sieht sich Henriette Reker weder als Beamtin noch als Politikerin, sondern vielmehr als „Bürgerin, die die Stadt steuern darf“. Die Politik befinde sich auf der Entscheidungsebene, die Verwaltung habe dies kompetent umzusetzen. Beide Seiten sollten ihr Kerngebiet im Auge behalten und ihre jeweilige Rolle klar ausfüllen. Gute Bedingungen für die Wirtschaft zu schaffen sei eines ihrer vorrangigen Ziele. Denn eine florierende und funktionierende Wirtschaft erhalte den sozialen Frieden, indem sie Arbeitsplätze schaffe. „Gut wohnen, leben und arbeiten sind für fast alle Bürger wichtige Formeln – das müssen wir ihnen als Stadt ermöglichen.“ Dazu gehöre ein entsprechendes Investitionsvolumen, beispielsweise in Schulen und Kindertagesstätten, aber auch zugunsten eines möglichst problemfrei fließenden Verkehrs. „Die Brückensanierungen von Zoo- und Severinsbrücke sowie Deutzer und Mülheimer Brücke stehen ganz oben an“, so Reker. Ebenso seien eine erstklassige medizinische Versorgung, exzellente Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen und ein hoher Grad an Kulturleben unerlässlich für ein gut funktionierendes Miteinander – „alles Dinge, über die wir in Köln zuhauf verfügen“, sagt Reker. Mit seiner großartigen Lage am Rhein mitten im Herz von Europa sei Köln zudem Drehscheibe für die Märkte auf dem ganzen Kontinent: „Unsere Domstadt ist wichtiger Verkehrsknotenpunkt, Messestandort und Handelsplatz.“

»Köln ist eine dynamisch wachsende Stadt und wir stehen vor großen Aufgaben.«

Lebensart in den Veedeln bewahrt

„Köln ist eine enorm vielschichtige Stadt, eine Stadt mit Tradition und Charakter. Menschen aus 180 Nationen sind hier zuhause. Besucher aus aller Herren Länder lieben das besondere Flair und die Weltoffenheit unserer Stadt“, spricht die Oberbürgermeisterin über den Charme ihrer Heimat. Dabei habe sich die Rheinmetropole trotz dieser Internationalität ihre ganz eigene Lebensart bewahrt, die sich vor allem in den „Veedeln“ zeige. Die Stadt liefere einen „unglaublich spannenden Mix – sie ist niemals glattgeschliffen und aseptisch, dafür unglaublich lebhaft, offen und kreativ.“ Ein Vorbild? „Oh ja, habe ich“, sagt Henriette Reker und spricht von der pakistanischen, heute 19-jährigen Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai, die sich gegen Gewalttaten stellte, 2012 bei einem Attentat angeschossen und 2014 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. „Sie ist eine so mutige vorausschauende junge Frau.“ Auch Reker hat Gewalt kennengelernt, als sie einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl an einem Informationsstand der CDU von einem 44-Jährigen mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt wurde. „Glücklicherweise ist nichts davon zurückgeblieben – ich habe keine Angst in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Reker. Nur schneide sie bei Veranstaltungen keine Geburtstagstorte mehr an, „wenn Männer mit langen Messern neben mir stehen“. Engagiert war und ist Henriette Reker überdies in Fragen zur Unterbringung und Integration von Flüchtlingen. „Aktuell leben rund 11 500 Geflüchtete in städtischen Unterkünften – und wir als Stadt haben uns auf die dauerhafte Thematik des Zusammenlebens eingestellt. Deshalb habe ich einen eigenen Koordinator für Flüchtlingsfragen in meinem Büro eingesetzt. Die Integrationsarbeit ist keine kurzfristige Aufgabe, sie braucht einen langen Atem. Und wir brauchen als Stadt mehr Unterstützung von Landes- und Bundesregierung bei der Finanzierung von Integrationskursen.“

Karneval ist unverzichtbar

In ihrer knapp bemessenen Freizeit kocht Henriette Reker gerne für Familie und Freunde – beispielsweise ein köstliches Risotto. „Mein Mann ist ein erstklassiger Einkäufer – wenn die Zutaten stimmen, fällt es mir leicht, daraus etwas zu zaubern“, lacht die Oberbürgermeisterin, die überdies „Himmel un Äd“ mit karamelisierten Äpfeln oder Rheinischen Sauerbraten mit Klößen

und Rotkohl bevorzugt. Zudem genießt sie die vielfältigen Angebote der Kölner Kultur, insbesondere klassische Konzerte und Ausstellungen der bildenden Kunst der Kölner Museen. Unverzichtbare Termine der kölschen Kultur sind für sie die Umzüge und die zahlreichen Karnevalssitzungen während der Session. Viel Arbeit hat sich Henriette Reker für die Zukunft also auf den Tisch gelegt. Wie gut, dass sie allem stets eines voranstellt: „Eine Oberbürgermeisterin für alle Kölnerinnen und Kölner zu sein.“

 

»Gut wohnen, leben und arbeiten sind für fast alle Bürger wichtige Formeln – das müssen wir ihnen als Stadt ermöglichen.«

 
Zurück zur Übersicht

TIPP: Mehr Infos zu Kölns erster Oberbürgermeisterin finden Sie in der Top Köln E-Magazin-Ausgabe im Apple

Store (Preis: 1,99 Euro).