Neustart für das Stadtgedächtnis

September 2015 / Interview
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Neustart für das Stadtgedächtnis

September 2015 / Interview 

Bereits im Frühjahr hat Adenauer die Nachfolge seines (glücklosen) Vorgängers Dr. Stefan Lafaire angetreten. Bei einem offiziellen Empfang im Rathaus Ende September stellte er Bürgermeister Andreas Wolter und den Gästen die Eckpunkte seiner (ehrenamtlichen) Arbeit vor. „In dieser Stadt bin ich gut vernetzt – das sollte man ausnutzen“, lacht Adenauer, der zahlreiche weitere honorige Vereine als Vorstandsmitglied begleitet, darunter den Kölner Haus- und Grundbesitzerverein, den Kölnischen Geschichtsverein, den Verein „Fortis Colonia“, der sich um die Kölner Festungsbauwerke kümmert, und den Verein der Freunde des Museums Schnütgen. Zudem ist er Schatzmeister der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde sowie des Freundeskreises des Kölnischen Stadtmuseums. Seine Nähe zu Kunst und Geschichte allein prädestiniert ihn geradezu für sein neues Amt. „Anfang des Jahres bin ich aus meinem Berufsleben als Notar ausgeschieden und habe Zeit, die ich der Stiftung Stadtgedächtnis schenken kann“, sagt der 70-Jährige, dessen Tagesablauf noch immer stringent durchstrukturiert ist: „Morgens um sieben Uhr startet die Arbeit – und so bin ich quasi im Unruhestand gelandet. Mir geht noch sehr viel durch den Kopf.“

Vom Notar zum Stiftungsvorsitzenden

Als Notar hat Konrad Adenauer gelernt, gleichsam gut mit Menschen, Unternehmen und Institutionen umzugehen. Als sich Kölns Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach bei dem umtriebigen Juristen nach seiner Bereitschaft erkundigte, den Vorsitz über die Stiftung Stadtgedächtnis zu übernehmen, nahm er sich eine kurze Bedenkzeit … und sagte „ja“. Immerhin hatte er schon vorher engen Kontakt zum Historischen Archiv und war Mitglied der seinerzeit ins Leben gerufenen „Retterrunde“. „Die hat leider nur wenig Früchte getragen, das hat mich als Teilnehmer etwas enttäuscht“, erinnert sich Adenauer. Deswegen halte er einen „Reboot“, eine Art Neustart, für wichtig: „Die Kölnerinnen und Kölner wurden um Spenden für den Wiederaufbau gebeten, ohne dass sie die immense Bedeutung des Archivs für die Stadt vor Augen hatten. Das Thema muss erst richtig in der Stadtgesellschaft ankommen, bevor es an Spendensammlungen gehen kann.“ Eine neue Kampagne startet daher im Frühjahr 2016 und läuft bis Jahresmitte. „Es heißt ja, jeder gute Kölner Bürger müsse in den Freundeskreisen und Fördervereinen dreier Institutionen Mitglied sein: beim Kölner Zoo, beim Dombauverein und beim Hänneschen-Theater. Wir müssen erreichen, dass die Stiftung Stadtgedächtnis künftig automatisch als vierte Institution dazugehört“, blickt Adenauer in die nahe Zukunft.

Menschen für die gemeinsame Sache finden

Die Restaurierungsarbeiten des Historischen Archivs beanspruchen laut Expertenmeinungen noch über 30 Jahre. Dazu werde die Stiftung Stadtgedächtnis, so Adenauer, pragmatische Unterstützung beisteuern: So hat sie unter anderem drei Autos finanziert, um den Verkehr zwischen Köln und anderen Städten zu erleichtern, die als „Asylarchive“ beschädigte Dokumente vorübergehend einlagern. Weiterhin kümmert sich die Stiftung um zusätzliche Arbeitsplätze für Restauratoren. Zudem solle die damalige „Retterrunde“ reaktiviert werden – und mit Patenschaften für restaurierte Archivalien könne Geld generiert werden, das den Aufgaben der Stiftung zugutekomme. „Wir müssen die Menschen finden, die Interesse an unserer gemeinsamen Sache haben“, sagt Adenauer. So werde im Hotel Qvest am Gereonskloster im Januar 2016 eine Verkaufsausstellung mit Werken des Künstlers Rolf Escher stattfinden. Radierungen und Unikate der dort ausgestellten Grafiken seien dabei käuflich zu erwerben. Der Erlös fließe der Stiftungsarbeit zu, erklärt Adenauer.

„Hobby-Fachmann“ in Sachen Geschichte

Er selbst habe den Einsturz des Archivs am Schreibtisch miterlebt: „Per Telefon habe ich es erfahren und zunächst für einen schlechten Scherz gehalten. Ein solches Szenario hätte ich mir nie im Leben vorstellen können. Für unsere Familie kam zum Katastrophentag noch ein persönlicher Trauertag hinzu, denn am gleichen Abend musste unser treuer Hund eingeschläfert werden“, erinnert er sich. Gut hat er das Haus in der Severinstraße gekannt, denn als Schatzmeister der „Rheinischen Gesellschaft für Geschichtskunde“ und als Vorsitzender des „Kölnischen Geschichtsvereins“ ging er dort regelmäßig ein und aus: „Ich habe im Historischen Archiv gearbeitet, recherchiert, geschrieben und Schriftstücke verfasst.“ Seinerzeit hat er schon als Jura-Student an einer Führung im Historischen Archiv, das sich damals im neugotischen Gebäude am Gereonskloster befand, teilgenommen.

Als „Hobby-Fachmann“ in Sachen Geschichte bezeichnet sich Adenauer selbst. „Das ist man als Träger eines berühmten prominenten Namens schuldig“, meint der Enkel des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis 1963). Die Beschäftigung mit Historie sei für ihn pure Entspannung – „da denke ich ausgesprochen assoziativ und komme auf viele Ideen“. Vor allem Namen seien für ihn ein Füllhorn an Informationen – „wenn ich einen Namen höre, versuche ich diesen immer in die Geschichte einzuordnen, denn Namensverbindungen öffnen Quellen“. Ein Tag, ohne den er einem bekannten oder auch weniger bekannten Namen gefolgt sei, sei für ihn ein verlorener Tag, wandelt Adenauer ein ähnliches Zitat von Charlie Chaplin um. Und er sagt: „Ich lese viel und forsche gerne.“ So erklärt sich unter anderem sein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn „ich bin seit eh und je für gedankliche Klarheit und Genauigkeit; ich schreibe vielleicht etwas trockener und weniger lebhaft, dafür aber exakt“.

Die Welt begreifen, Köln und das Rheinland verstehen

Bei seiner neuen Aufgabe für die Stiftung Stadtgedächtnis wählt Konrad Adenauer einen anderen Ansatz als sein Vorgänger: „Ich versuche, die Arbeit mit Musik, Kunst und Architektur zu verbinden“, sagt er, der in seiner Schulzeit auf dem Apostelgymnasium unter anderem Kunst als Wahlpflichtfach belegte. Die Welt begreifen, Köln und das Rheinland verstehen – das sei für ihn stets ein oberes Ziel gewesen. „Deswegen gehe ich gerne auf Entdeckungstour – naturkundlich wie auch historisch“, so Adenauer. Diese Leidenschaft sei in ihm mit elf Jahren geweckt worden: „Als ich mit Blinddarmentzündung zehn Tage im Krankenhaus lag, erinnerte ich mich an ein Kommuniongeschenk: Knaur’s Jugendlexikon. Ich habe es komplett gelesen und so in mir eine Art lexikalischen Wissensdurst begründet.“ Diesen hat sich Konrad Adenauer bis heute bewahrt. Und weil „unsere Gegenwart jeden Tag wieder aufs Neue zur Geschichte wird, ist sie so spannend, interessant und vielschichtig“. Daher sei es eine Verpflichtung für jeden, Geschichte zu bewahren. Mit der Stiftung Stadtgedächtnis und einem wieder aufgebauten Historischen Archiv wird dieses hehre Ziel ein wenig greifbarer.

 
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