Hausmannskost mit »Jramahtick«

Januar 2017 / Interview
«

Hausmannskost mit »Jramahtick«

Januar 2017 / Interview 

Klar, als Alsdorfer Jung ist Jürgen Beckers ein „Imi“ – er ist als „Imi“ in Köln angekommen und als solcher durchgestartet. Das ist keine Schande – immerhin gehörten früher schon „et Botterblömche“ Hans Bols als Krefelder (in den 1980er- und 1990er-Jahren) oder Horst Muys (in den 1960er-Jahren) als Duisburger, auf dessen Grabstein trotzdem schelmisch „der liebe Jung aus Köln am Rhein“ steht, zu Top-Vertretern des „kölschen Fasteleers“. Als Büttenredner hatte sich Jürgen Beckers zuvor schon in seiner Heimat – dort war er 2003 sogar Prinz im Alsdorfer Stadtprinzenpaar – sowie in der karnevalistischen Landschaft in und um Aachen einen Namen gemacht. Doch der Strahlkraft des Kölner Karnevals konnte er nicht widerstehen. Der damalige BDK-Präsident und Festkomitee-Vize Franz Wolf zeigte sich von den treffenden Pointen und parodistischen Leckerbissen des jecken Alsdorfers begeistert und schlug ihn beim Festkomitee-Vorstand als Programmpunkt für die Prinzenproklamation vor. „Ein Traum für mich – aber ich wurde leider abgelehnt. Verstehen konnte ich das nicht – immerhin hatte ich Auftritte vor 1600 Personen im Eurogress in Aachen erfolgreich hinter mir. Da sollte eine Pripro in Köln doch wohl kein Problem sein“, erinnert sich Beckers an seine Enttäuschung, als er von der Entscheidung erfuhr. Heute sagt er: „Das Festkomitee hatte recht – wahrscheinlich wäre ich damals als in Köln völlig Unbekannter gnadenlos untergegangen.“ Denn Köln verfüge über ein klassisches Karnevalspublikum, das durchaus deutlich mache, wenn ihm eine Darbietung nicht gefällt. „Das ist gerade für einen Redner manchmal nicht einfach.“

Der Strahlkraft des Kölner Karnevals konnte er nicht widerstehen

Durch die „harte Rednerschule“ gegangen

Also schloss sich der „Hausmann“ dem Literarischen Komitee an und ging durch die „harte Rednerschule“ – drei Jahre lang trat er in zumeist kleinen Sälen auf und machte sich mit der neuen „Fastelovends-Type“ einen Namen. „Das war der richtige Weg“, resümiert Beckers. Immerhin verfügte er über eine Rede, die es in einer solchen Form nicht gab – und er personifizierte den Typ eines Büttenredners, der im heutigen Fasteleer als so gut wie ausgestorben gilt. Vor allem Timing und Tempo spiele auf der Karnevalsbühne eine weit größere Rolle als im Kabarettsaal. „Zeit, einen Witz zu entwickeln, gibt es kaum. In einer Büttenrede von etwa 15 bis 20 Minuten müssen rund 30 Pointen knapp aufeinander folgen. Die Witze müssen zünden – und zwar hintereinander. Und vor allem der erste Gag nach spätestens 30 Sekunden muss sitzen“, beschreibt „Hausmann“ Beckers die karnevalistische Rede. Bei sechs bis acht Auftritten am Abend gebe es zudem keine Garantie, dass die Rede auch überall in gleicher Weise ankomme – „in einem Saal geht der Erfolg bis an die Decke, im nächsten ist nur verhaltener Applaus“. Das wiederum hänge auch von der Platzierung in einer Sitzung ab – „einen Redner hinter die Fööss oder die Höhner zu setzen, ist immer eine schlechte Wahl“, sagt der begeisterte Krimi-Fan, der als „Abendritual“ nach einem schweren Auftrittsmarathon gerne einen alten Krimi – von „Derrick“ über „Der Alte“ bis zu George Simenons Maigret und Francis Durbridge – in den DVD-Player schiebt. Häufiger schaut er zur Fastelovendszick den „Kommissar Klefisch“ mit Willy Millowitsch.

Klassischer Karnevalist

Jürgen B. Hausmann ist kein Comedian, er ist ein klassischer Karnevalist und bedient das Element des Büttenredners – auch wenn er am Bühnenrand und nicht in der Bütt steht. „Ich habe den Karneval als Kind in Vereinsstrukturen kennengelernt – Comedians sind in aller Regel Quereinsteiger, die ihr eigentliches Programm in den Fastelovend übertragen“, analysiert der „kölsche“ Redner. Angefangen hat Jürgen Beckers als Elfjähriger mit einer Büttenrede bei einer Schulsitzung („für gute Noten tut man alles“). Er beschrieb die Lehrer seiner Schule, griff ihre Eigenarten auf, zeigte gute Beobachtungsgabe, die er in einen Wortwitz verpackte – eine Eigenschaft, die er als Hausmann heute perfektioniert hat. „Heute ist mir sogar ein wenig unwohl, wie frei und unverblümt diese Lehrerparodien waren – aber im Karneval haben sie gut funktioniert“, lacht Beckers. Als Student trat er später in einen Alsdorfer Karnevalsverein ein und versprühte unter anderem auf den Pfarrsitzungen im Ort sein Lokalkolorit – diesmal als „Rentner“. 1997 war er dann erstmals als „Hausmann“ zu sehen. Als Junggeselle war er in seiner „eigenen Bude“ ja quasi der „Hausmann“. Als solcher war und ist er Anhänger der deutschen Küche – Nudelsalat und rheinischer Sauerbraten sind seine Favoriten, letzteren gibt’s in Aachen allerdings nicht mit Knödeln, sondern mit Fritten. Übrigens: Sein Hobby hat der Lehrer für Latein, Griechisch und Geschichte im Jahr 2009 zum Beruf gemacht. Er ließ sich für seine beiden Kinder Marie (7) und Lukas (6) in Elternzeit beurlauben und legte sein berufliches Augenmerk auf die Rednertätigkeit. Mit seinem Kabarettprogramm ist er fast bundesweit zu sehen – es fehlen nur noch ein paar weiße Fleckchen in Bayern und in den östlichen Bundesländern. „Zum Ende der Elternzeit habe ich aber vor, wieder in den Schuldienst einzusteigen“, blickt er in die Zukunft.

»Wichtig ist eben, dass man über sich selber lachen kann.«

Markenzeichen Schürze

Die Schürze ist im Karneval sein Markenzeichen geworden. Früher hatte er eine originale Schürze dabei, die „ich aber immer wieder irgendwo liegenließ“. Also ist sie heute auf das Sakko aufgenäht, „sodass ich sie nicht mehr verlieren kann“ – das erste Stück ließ er im italienischen Riccione bei Rimini schneidern. „Als weiteres Erkennungszeichen hatte ich daran gedacht, noch ein Körbchen mitzunehmen, das wäre dann aber des Guten zu viel gewesen“, zeigt Beckers, dass er einiges an Gehirnschmalz in den Auftritt seiner „Type“ gesteckt hat. Seine Vorbilder: „Das sind der Bergische Jung Willibert Pauels und Weltenbummler Gerd Rück. Außerdem war der kölsche Schutzmann Jupp Menth für mich wie eine Art Mentor.“ Des Hausmanns Stärken sind seine Beobachtungsgabe derMenschen und ihres Alltags. Viele seiner Szenen erinnern an Situationen, die jeder schon einmal selbst erlebt hat. Das Wichtigste für ihn ist die „richtije deutsche Jramahtick, wie man sie in der Aachener Region und teilweise im ganzen Rheinland sprechen tut“. Der Hausmann beobachtet und belauscht die Leute – und er transferiert „dat einfach“ auf der Bühne. „So sind köstliche Szenen entstanden wie die Kommelion, der Bocksen-(also Hosen-) kauf und die Dialoge mit dem Hund Hecktor, die ich alle, in leichter Abwandlung so erlebt habe.“ Gelungen ist ein Programm, wenn die Zuschauer kreischend und schenkelklopfend hineinbrüllen: „Jenau wie bei uns!“ oder „Jenau wie de Omma!“ Wichtig ist eben, dass man über sich selber lachen kann, getreu dem Motto: Der Hausmann spielt das Leben, wie das Leben so spielt. Und um den Kreis zu schließen: Vor elf Jahren war die Prinzenproklamation „eine Nummer zu groß“ für den damals „kleinen Hausmann“ – doch jetzt ist er auch dort angekommen, zuletzt bei der Proklamation 2016. „Und es bedeutet mir sehr viel, einige Jahre später dort hingekommen zu sein. Genau genommen bin ich viel weiter gekommen, als ich es mir jemals erträumt hätte“, lacht der 52-Jährige verschmitzt. n

www.juergen-beckers.de

 

 

 

 
Zurück zur Übersicht

Wolfgang Bosbach:

„Endspurt“ Wie Politik tatsächlich

ist – und wie sie sein sollte. Begegnungen, Erlebnisse, Erfahrungen Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg |Co-Autor: Hugo Müller-VoggHardcover, 272 Seiten | Quadriga Verlag | ISBN 978-3-86995-092-1