Wenn’s zwickt, kommt der »Heilhänder«

Januar 2016 / Interview
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Wenn’s zwickt, kommt der »Heilhänder«

Januar 2016 / Interview 

Physiotherapeut Wilfried Wiltschek kümmert sich ehrenamtlich um die Wehwehchen karnevalistischer Tänzerinnen und Tänzer

Weltstars wie Pink Floyd, AC/DC, Pink, Madonna, Guns n‘ Roses oder die Roncalli-Artisten lagen schon unter seinen „magischen Händen“ – doch in der Karnevalszeit kümmert sich Wilfried Wiltschek um die lädierten Sehnen und Knochen von Tänzerinnen und Tänzern aus karnevalistischen Tanzgruppen. Rein ehrenamtlich. Über 400 Behandlungen zählt der Physiotherapeut pro Session – ein ganz schönes Pensum. Das hat ihm in den Tanzgruppen den Spitznamen „Der Heilhänder“ eingebracht. Und diesen Job versieht er mit der gleichen Leidenschaft, die die Tänzer auf der Bühne leben. Das Festkomitee Kölner Karneval und die vielen Gesellschaften wissen „ihre“ Tanzgruppen bei ihm in guten Händen. Dazu trägt er alle Kosten inklusive (medizinisches) Material sogar selbst. „Dabei war ich bis 1993 ein überzeugter Antikarnevalist, bin über die tollen Tage sogar immer in Urlaub geflüchtet“, erinnert sich der heute 55-Jährige zurück. Doch dann wurde er in den kölschen Fasteleer geradezu hineingesogen: „Eine junge Dame kam mit einem dreifachen Bänderriss in meine Nippeser Praxis, wollte aber unbedingt weitertanzen. Alles Überzeugen half nichts – siewollte auf die Bühne – also habe ich sie sechs Wochen lang jeden Tag behandelt, getapet und durch alle Schmerzen begleitet.“

                             »Ich war bis 1993 überzeugter Antikarnevalist.«

Vom Antikarnevalist zum „Überzeugungstäter“

Bei der „jungen Dame“ handelte es sich um die Tanzmarie der Nippeser Bürgerwehr, Claudia Strauch – heute sind Wilfried und Claudia miteinander verheiratet. Wiltschek, der damals bereits über das Deutsche Tanzsportabzeichen verfügte, ließ sich mitreißen. Bald tanzte er bei den Helligen Knäächten un Mägden und begann, seine beruflichen physiotherapeutischen Fähigkeiten bei seiner Tanzgruppe einzusetzen. Wer ein Wehwehchen hatte, kam unter seine professionellen Hände. „Das sprach sich herum“, so Wiltschek, der bald Kollegen aus anderen Tanzgruppen behandelte und sogar von auftretenden Künstlern „engagiert“ wurde. Als im Congress-Saal der Auftritt der Paveier „wackelte“, weil Musiker Detlef Vorholt plötzliche Ischiasbeschwerden plagten, setzte Wiltschek seine „Zauberhände“ ein und machte ihn für die Bühne fit. Mittlerweile kümmert er sich nicht nur um den einen oder anderen Künstler, sondern zusätzlich um die „Roadies“, die schwer an Verstärkern und technischem Material zu schleppen haben. Sogar für das Kölner Dreigestirn hat er hilfreiche Dienste geleistet. Ex-Bauer Thorsten „Totti“ Schmidt hebelte er die Rückenprobleme weg – und Ex-Prinz Björn Griesemann brachte er mit dessen Bänderriss durch die Session. „Das hat damals keiner bemerkt – denn den weißen Verband konnte unter der weißen Strumpfhose niemand ausmachen“, plaudert Wilfried Wiltschek aus dem Nähkästchen.

Leidenschaft für die Tanzgruppen

Seine Leidenschaft gehört weiterhin vor allem den Tanzgruppen. „Die haben eine enorme Belastung, trainieren harte neun Monate, damit sie in der Session auf der Bühne Top-Leistungen abrufen können – und das neben ihrem Beruf und ohne große Erholungsphase. Aber wenn sich bei einem Auftritt um Mitternacht im Pfarrsaal oder auch im Gürzenich mal einer verletzt, dann ist keiner da“, sagt der Pysiotherapeut. Gerade eine Akutversorgung sei aber dringend notwendig, da sonst der Karnevalstraum schnell ausgeträumt ist, wenn die Verletzung nicht sofort behandelt wird. Tapen, Eis, Verbände, massieren, „geraderücken“, Gelenke deblockieren, Zerrungen behandeln – das sind die Aufgaben, dieden „Heilhänder“ in der Session des Nachts durch die Straßen von Köln zieht. Quasi wie ein moderner „Aufpasser“ kümmert er sich um das Wohl der Tänzerinnen und Tänzer – im Hinblick auf die finanzielle Situation der jungen Menschen ist es für ihn wie ein sozialer Beitrag zum Kölner Karneval. Und neben der Behandlung steht er ihnen stets beratend zur Seite. „Nicht nur in Sachen Sehnen und Knochen – ich gebe auch mal im Tanzgruppenbus per Mikrofon wichtige Tipps zur Gesunderhaltung oder zur Ernährung“, sagt Wiltschek. Oftmals seien die Tänzer aufgrund der hohen Schlagzahl unterzuckert oder dehydriert, weil sie „vergessen“ zu trinken – „deswegen sollten sie gut aufgeklärt werden“.

Roter Rucksack ist stets dabei

Als Anhänger des traditionellen Karnevals liebt Wilfried Wiltschek die „richtige kölsche Sitzung“. Er hört gerne die Bläck Fööss, freut sich an den Auftritten der Tanzgruppen, findet das „Dellbröcker Boore Schnäuzer Ballett einfach grandios und besucht neben drei Sitzungen pro Session den Rosenmontagszug op d’r Stroß und – natürlich – den Nippeser Dienstagszug. Und immer hat er seinen roten Rucksack mit physiotherapeutischem Erste-Hilfe-Material dabei – Eis, Tape, Kinesiotape, Salben, Verbandsmaterial, niemals aber Tabletten oder Medikamente. „Die verschreibt der Arzt“, stellt er klar. Die Session ist für Wilfried Wiltschek eine harte Zeit: Tagsüber arbeitet er in seiner physiotherapeutischen Praxis, abends kümmert er sich um verrenkte Hälse, geplagte Ischiasnerven, Nackenschmerzen und Bänderverletzungen der Tänzer. Innerhalb der fünften Jahreszeit kommt es in seiner Praxis zum „karnevalistischen Showlaufen“ – bekannte und weniger bekannte Karnevalisten geben sich die Klinke in die Hand und lassen „sich zurechtrücken“. „Wenn ich nicht da wäre, dann würden diese jungen Menschen trotzdem weitertanzen. Denn wer einmal auf der Bühne gestanden hat, der weiß, dass sie von ihrem Auftritt nicht abzuhalten sind – weil das für sie alles ist, worauf sie die ganzen Monate hin trainiert haben. Die Gefahr von Spätschäden bei zunächst kleineren Verletzungen wäre dann riesengroß – das kann ich mit meinem Beitrag verhindern. Ich fühle mich besser, wenn ich weiß, dass diese jungen Leute trotz enormer Beanspruchung medizinisch nicht alleingelassen sind“, so Wiltschek. Und deswegen wird es auch künftig so bleiben: Wenn’s irgendwo zwickt oder zwackt, ist der „Heilhänder“ zur Stelle.

          »Die Bühen ist alles, worauf sie die ganzen Monate hin trainiert haben.«

 

 

 
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