»Kocht selbst!«

Oktober 2016 / Interview
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»Kocht selbst!«

Oktober 2016 / Interview 

Stimmt. Im Supermarkt geschieht es häufiger, dass die Dame an der Kasse auf meine Stimme reagiert und mich fragend ansieht. Meistens sage ich dann einfach: ‚Ja, ich bin es wirklich‘“, scherzt Gote, auf dessen Konto seit kurzem ein weiterer „Prachtschinken“ geht. Denn sein neues Buch trägt den Titel „Gote geht genießen“. Gote ist Profi-Journalist, der laut eigener Aussage „irgendwie zum Kochen gekommen ist“. Seine Jugend verlebte der heute 58-Jährige in Bottrop, das Abitur machte er in Krefeld, das Studium in Dortmund, gelandet ist er in Köln, wo er 1981 beim WDR ein Volontariat absolvierte. Er schrieb Hintergrundberichte, Reportagen und Features über gesellschaftspolitische Themen wie Verkehrs- oder Umweltpolitik – „aber wir haben darüber nie das gute Essen und Trinken vernachlässigt“, erinnert er sich. Gerne denkt er an seine Studienzeit in Dortmund zurück, in der er in einer WG lebte: „Da wurde viel gekocht … und dabei auch gerne viel getrunken. Jeder von uns vermisste etwas Kulinarisches aus der Heimat – und das kochte er dann für die anderen gleich mit. Mein bester Freund aus Bamberg zum Beispiel machte ‚blaue Zipfel‘ – das sind im Zwiebel-Essig-Wein-Sud gegarte Bratwürste.“

»Der richtige Zeitpunkt gehört zum Genießen ebenso dazu wie Zustand und Affinität.«

Rezepte stets weiter verbessert

So wurde Kochen schon früh zu Gotes liebster Freizeitbeschäftigung. Vor allem sei er stets neugierig gewesen, wie das eine oder andere Rezept durch die verschiedenen Zutaten noch schmackhafter zubereitet werden könne. Anfang der 1990er-Jahre begann der Hobbykoch erste gastronomische Texte zuveröffentlichen. „Zu Beginn stand der Service-Gedanke im Vordergrund: Mein Ansatz war, wie Kochen in der eigenen Küche einfacher und damit oft besser wird. Leckeres Essen mit guten Tipps für Zuhause so unterhaltsam präsentieren, dass die Leute gerne zuhören, vielleicht sogar ganz ohne zu kochen – daraus ergab sich mein publizistisches Alleinstellungsmerkmal.“ So wurde der versierte Journalist im Laufe der Zeit zum Fachmann in Sachen Essen und Trinken. Und bis heute „bedient“ er den Servicegedanken, denn „ich weiß, welche Probleme ein Koch zu Hause hat“. Gote fühlt sich durchaus als Kölner – immerhin lebt er seit über 35 Jahren in dieser Stadt. Ein „Herzenskölner“ ist er hingegen nicht: „Dass ich Köln allein deswegen schön finde, weil wir in Köln sind, gelingt mir als gebürtigem Ruhrgebietler einfach nicht.“ Auch dem Kölsch – des Kölners liebstes Getränk –steht er zwiegespalten gegenüber. Denn „seit meiner Entwicklung zum Weinliebhaber hat der Bierkonsum merklich gelitten“. Wein habe geschmacklich mehr zu bieten, Bier sei eher „eindimensional“. „In geschmacklicher Hinsicht kann ich Kölsch nicht ernst nehmen, aber es ist ein wunderbares Spaßgetränk nachmittags zwischen halb fünf und halb acht im sonnigen Biergarten. Nur: Wenn es nicht ordentlich gezapft ist, dann ist bereits die Hälfte des Geschmacks verschwunden. Genießerisch zu sein bedeutet neben Qualität und Aroma noch mehr: Der richtige Zeitpunkt gehört ebenso dazu wie Zustand und Affinität. Das gilt genauso für Weine, Cocktails oder Gin Tonic.“

Das Markenzeichen „Gote“

„Einfach Gote“ ist im Laufe der Jahre zu einem Markenzeichen in Sachen Genuss geworden. „Das macht mich natürlich stolz“, sagt der passionierte Radio-Gourmet. Und so versucht er heute „die Welt zu verbessern, indem ich den Menschen das Genießen zeige: Die Frikadelle alleine muss so gut schmecken, dass man keinen Senf braucht – wer ihn dann trotzdem benutzt, ist selber schuld.“ Um gut und genießerisch kochen zu können, muss man keine Ausbildung durchlaufen. „Den Mythos des ausgebildeten Kochs gibt es sowieso nicht mehr. Froh wäre ich, wenn ein Koch in der Ausbildung lernen würde, was ich kann. Der Ausbildungskoch lernt hauptsächlich die Basics, die früher jede Hausfrau beherrschte“, sagt Gote. Kochen für drei Personen sei einfach, aber die Logistik, für 100 Personen verschiedene Gerichte zu kochen, wie es in Restaurants vorkommt – das mache eben den Unterschied zu einem gelernten Koch aus. „Aber eine simple Tomatensuppe ist Prüfungsgegenstand – das dürfte bezeichnend für den heutigen qualitativen Anspruch sein.“ Der Journalist Helmut Gote mag es durchaus provokativ – „ich biete ja auch genügend Reibungsfläche, gerade in der heutigen Zeit zwischen so vielen Trends wie vegetarisch, vegan, bio, slow food“, sagt er. Jedoch: Nur weil’s vegetarisch sei, schmecke das Gericht nicht besser – es müsse auch gut zubereitet sein. „Und weil die Zubereitung entscheidend ist, behandele ich die Möhre genauso sorgfältig wie ein Steak.“ Auch sei beispielsweise Tofu nicht einfach nur ein Ersatz für’s Fleisch: „Das wird diesem für unsere Kultur ungewohnten Lebensmittel nicht gerecht. In Vietnam gibt es ein Gericht, das beides miteinander verbindet: mit Schweinehack gefülltes Tofu. Lecker!“

»Der Ausbildungskoch lernt hauptsächlich die Basics, die früher jede Hausfrau beherrschte.«

 

Nicht grundsätzlich vegetarisch, sondern „auch mal fleischlos“

An kulinarischen Trends hat sich Helmut Gote nie orientiert, er selbst ist gewissermaßen sein eigener Trend – und folgerichtig stellt er klar: „Das Wort ‚vegetarisch‘ benutze ich eigentlich nie – trotzdem ist ein beträchtlicher Teil meiner Gerichte fleischlos. Ich koche nicht vegetarisch – ich koche Blumenkohl, Wirsing und Kartoffeln. Auch wenn ich kein Vegetarier bin, esse ich nicht automatisch jeden Tag Fleisch.“ Die Lust am Essen und die Einstellung zum Essen seien unterschiedlich zu behandeln – „viele Vegetarier leben eine Einstellung, und das wiederum hat mit Genießen zunächst wenig zu tun“. Überhaupt werde in Deutschland oft über das Essen gemeckert: „Wer Fleisch isst, wird angehalten, sich vegetarisch zu ernähren – wer Butter ist, achtet nicht auf seine Cholesterinwerte. Viele sagen, weiße Bohnen seien deftig – auch das ist Unfug. Denn der ganze Mittelmeerraum mit seinen leichten Gerichten isst weiße Bohnen, beispielsweise mit Olivenöl, Meersalz und Salbei – da ist nix Deftiges dran.“

Kölsche und rheinische Küche

Köln selbst habe wenig kulinarische Bewegung. „Wohlwollend kommt man hier in der Domstadt auf vielleicht rund 15 Gerichte – wenn man nicht gerade die Erbsensuppe auch noch als kölsches Gericht hinzuzählt.“ In der Rheinischen Küche ist eigentlich ein buntes Kaleidoskop aus vielen Einflüssen: rheinische Muscheln, Matjes, Heringsstipp ebenso wie „Himmel un Äd“, Currywurst und Döner oder Spaghetti Bolognese, Sauerbraten und Jägerschnitzel. In seinem neuen Buch „Gote geht genießen“, das die kulinarischen Spezialitäten Nordrhein-Westfalens unter die (Koch-)Lupe nimmt, präsentiert „der Maestro“ so unterschiedliche Gerichte wie „Buntes Bentheimer-Schweine-Festival“ oder „Buchweizenpfannkuchen mit grünem Salat“ oder „Bergische Forelle mit Kräutersauce“. Allesamt gekocht und probiert von Helmut Gote persönlich – „und zwar in meiner eigenen sonnengelben Küche, die ein wenig einer Werkstatt gleicht“. Frei nach dem Motto: „Soll sie schön sein, oder wird da tatsächlich gekocht?“

Endlich wieder mehr kochen …

Und so stehen Gelée und Marmelade von Brombeeren, heiße Fleischwurst auf Französisch, Wolfsbarschfilets mit Chorizo-Sauce, Artischocken mit Orangenmayonnaise, Rührei mit Parmak- Sucuk und sommerliche Bratkartoffeln mit Paprikagemüse auf dem Kochplan von Helmut Gote. Und ganz nebenbei erklärt er, warum es beim Braten wichtig ist, was man wann würzt, wie man der Artischocke ihr köstliches Innerste entlockt und warum die Petersilie erst zum Schluss zu den Bratkartoffeln kommt. Mit Bedauern stellt Gote allerdings fest, dass in Familien heutzutage kaum noch gekocht wird. Deswegen arbeitet der „kulinarische Weltverbesserer“ täglich dagegen an. Seine Botschaft: „Kocht selbst! Mit qualitativ guten und frischen Zutaten. Kocht sorgfältig und richtet es als schönen Zeitvertreib ein! Und holt euch Hilfe – in Büchern, in Kochshows oder bei Freunden und Bekannten!“ Ein Toast Hawaii schmecke außergewöhnlich gut – aber nicht unbedingt mit Schmelzkäse und Kochschinken aus dem Supermarkt … 

»Die Frikadelle alleine muss so gut schmecken, dass man keinen Senf braucht.«

www.helmut-gote.de

 

Text: Frank Tewes | Internviewfotos: Joachim Badura

 

 
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Vita Helmut Gote

Verheiratet mit Ehefrau Nadja Geburtsjahr: 1957 Geburtsort: Bottrop 1976 | Abitur in Krefeld Bis 1979 | Ausbildung zum Industriekaufmann in Krefeld Bis 1986 | Journalistik-Studium an der Universität Dortmund (Diplom-Journalist), Inkl. Volontariat 1981-1982 beim WDR, Köln und der Westfälischen Rundschau, Dortmund) Seit 1983 | Fester freier Mitarbeiter und Autor beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Schwerpunkte: Hintergrundberichte, Reportagen, Features über gesellschaftspolitische Themen, Feuilleton Ab 1995 | Entwicklung neuer Konzepte für kulinarische Themen im Radio.  ochbuchrezensionen, Portraits von Spitzenköchen und Weinexperten, Features über gastronomische Highlights, Service-Sendungen über ausgewählte Produkte (z.B. Olivenöl, Reis, Schokolade etc.), Restaurant-Kritiken. Permanente autodidaktische Fortbildung

 

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