»Musik ist Spiritualität«

August 2016 / Interview
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»Musik ist Spiritualität«

August 2016 / Interview 

Interview mit GENTLEMAN alias Tilmann Otto

 

In den Charts gibt es so viel Einheitsbrei. Ich wünsche mir von den internationalen Musikern mehr Mut, aus der Normalität auszubrechen. Trends brechen, indem man neue Trends setzt – das sollte die Devise sein. Die Leute spüren, wenn jemand richtige Musik machen will – es ist immer wichtig, der eigenen inneren Stimme zu folgen.“ Starke Worte. Sie stammen von Reggae-Weltstar Gentleman, der übrigens mit bürgerlichem Namen Tilmann Otto heißt und im Kölner Süden lebt. Geboren ist er in Osnabrück, kam jedoch schon im zarten Alter von knapp einem Jahr nach Köln und wuchs in der Domstadt auf – genauer  gesagt rund um die Ülepooz am Pantaleonswall. Zuerst entdeckte er das Skateboarding für sich – unter anderem wurde er darin deutscher Meister –, dann wechselte er in die Musik. Seine erste Inspiration: die jamaikanischen Roots-Reggae-Platten seines Bruders.

Von der Reggae-Musik hypnotisiert

„Mit 17 habe ich mich in diese Musik verliebt, sie hat mich geradezu hypnotisiert. Also wollte ich wissen, wo sie herkommt“, erinnert sich der 42-jährige Musiker. Er reiste nach Jamaika und lebte einige Wochen bei einer einheimischen Familie, um den Spuren des Reggae nachzugehen. Seitdem ist er von der Karibikinsel und ihrer Musik nicht mehr zu trennen. Sie gaben ihm Mut, Kraft und Orientierung. Wieder zurück in Deutschland arbeitete Gentleman als DJ, schrieb Songtexte und baute „seinen eigenen Stil“ aus.

Nichts ist wichtiger als die Familie und gute Freunde

Als Sprungbrett fungierte 1997  der Kontakt zu Max Herre und seinem Freundeskreis: Gentleman sang seinen Teil für „Tabula Rasa“ ein und erhielt kurz danach vom Label „Four Music“ seinen ersten Plattenvertrag. 1999 erschien sein erstes Album „Trodin On“. Den internationalen Durchbruch erlebte er mit dem Lied „Intoxication“, das auf Jamaika, in der ganzen Karibik und in Amerika gefeiert wurde. „Danach begann das Schneeballprinzip“, lacht der Sänger und Komponist. Gespür und Gefühl für Publikum und Fans zeichnen Gentleman aus. Seine Live-Shows funktionieren – damals wie heute –, weil er eine besondere Gabe hat: Menschen zu begeistern und mitzureißen. „Sicher stehe ich gerne auf der Bühne, aber die Normalität ist das, was mir Kraft gibt. Nichts ist wichtiger als die Familie und gute Freunde“, sagt der Familienvater. Er sei in so vielen Ländern der Erde bereits gewesen, „und doch habe ich das Gefühl, wenig gesehen zu haben“. Wenn es auf Festival-Tour geht, bedeutet das für den Musiker den Stress von rund 30 bis 50 Konzerten – und ein bis zwei Touren pro Jahr gehören dazu.

Köln war und ist der Mittelpunkt

Auch wenn er sich von Jamaika hat inspirieren lassen, so ist Gentleman in Köln zu Hause. „Köln war und ist immer mein Mittelpunkt. Ich mag den kölschen und rheinischen Humor, die direkte und offene Art der Kölner, den Blick von der Deutzer oder Hohenzollernbrücke auf den Dom und den Rodenkirchener Rheinstrand“, so der Musiker. Zwar habe Köln im architektonischen Sinne „viel vergeigt“, doch die Mentalität mache das locker wieder wett. Sogar seine Frau Tamika, die aus dem amerikanischen Virginia stammt, fühle sich hier restlos heimisch.
Kingston, die jamaikanische Hauptstadt, Miami und Köln sind die Orte, an denen Gentleman in der Regel anzutreffen ist – doch der Mittelpunkt bleibt die Domstadt. Mittlerweile wisse er auch den Wechsel der Jahreszeiten zu schätzen – auch ein kalter Winter habe seine wunderbaren Seiten, und mit dem Schmuddelwetter komme er mittlerweile gut klar. „Wobei ich den großen Vorteil habe, dass man mich auf der Straße selten erkennt – die Menschen kennen eher meine Songs. Das macht das Leben einfacher“, sagt der 42-Jährige. 
Gentleman ist glühender Fan des 1. FC Köln („ich würde den FC so gerne höchstpersönlich in die Europa League schießen“ und „wenn ich zum  Bundesligaspiel ins Stadion gehe, bin ich danach heiser“) – und er mag den Kölner Karneval. „Nicht zuletzt durch meine Freundschaft zu Ex-Prinz Holger Kirsch“, erzählt er. Als Jugendliche trafen sich beide auf der Domplatte regelmäßig zum Skaten – und als „Jugendsünde“ steht die Episode, dass die beiden einem bekannten Café am Dom einen Kanister Eis aus dem Kühlhaus entwendeten, sich den Bauch vollschlugen, bis ihnen schlecht war, und den geschmolzenen Rest von der Hohenzollernbrücke auf ein Containerschiff kippten. „Oh je, ist das verjährt?“, fragt Gentleman lachend.

Die Bläck Fööss haben „Spirit“

Am kölschen Fasteleer beeindruckt ihn neben dem oft familiären Charakter der soziale Aspekt. „Außerdem weiß ich immer mehr zu schätzen, was ich mit Heimat verbinde. Einige kölsche Lieder schaffen es in herausragender Weise, dieses Gefühl zu wecken.“ Vor allem die Bläck Fööss seien die Helden seiner Kindheit: „Die Fööss haben Spirit – sie erzählen in ihren Liedern ehrliche und meistens emotionale Geschichten. Das spüren die Menschen“, sagt Gentleman über die kölsche Kultband, deren Konzert im Tanzbrunnen er als Vierjähriger auf dem Arm seiner Mutter schlafend miterlebte. Jüngst trat der Reggae-Star erstmals mit den kölschen Fööss gemeinsam auf – und das auch noch an so einem urkölschen Platz wie der Volksbühne am Rudolfplatz, dem ehemaligen Millowitsch-Theater.
Ebenso liebt Gentleman die Musik von BAP-Chef Wolfgang Niedecken: „Seine Texte sind immer genau auf dem Punkt. Außerdem ist Wolfgang ein Musiker, der es sich traut, auch mal anzuecken – das gibt es leider nicht sehr oft.“

Ob Gentleman vielleicht irgendwann einmal ein deutsches Lied schreibt? „Dann eher ein kölsches. Denn Musik ist immer höchst persönlich – und die Liebe zu einer Stadt kann gut thematisiert werden, auch in sozialkritischen Texten.“ Ansonsten „findet“ er seine Texte überall dort, wo zwischenmenschliche Verbindungen existieren. „Es sind Gefühle wie Freude, Hoffnung, Leid, Angst, Verletzbarkeit und vieles mehr, die sich durch ein Lied ziehen können. Allerdings muss nicht jeder Song eine Message haben – manchmal ist es auch der Spirit, der ins Herz trifft“, sagt Gentleman. Inspiration sei stets dort zu finden, „wo man sich öffnet“. Doch müsse klar sein: Ohne eine  berührende Melodie funktioniert der beste und tiefsinnigste Text nicht – „es ist immer die Verbindung zwischen Text und Melodie“. So trifft seine Aussage den Kern:

Das Wichtigste beim Songschreiben ist das Zuhören. 

Immer wieder greifen seine Texte tagesaktuelle Probleme, gesellschaftspolitische Fragen und Systemkritik auf. Die Balance im Leben, Spiritualität und Gerechtigkeit sind seine Themen, die durch gefühlvolle Love-Songs erweitert werden.

Neues Album soeben erschienen

Gentlemans neues Album „Conversations“, das er gemeinsam mit Ky-Mani Marley, einem Sohn von Musik-Legende Bob Marley, aufgenommen hat, ist soeben erschienen. „Es trägt ein noch ausgereifteres Storytelling mit sich“, berichtet er. So nehme der Song „Way out“ auf die Flüchtlingsproblematik Bezug und betrachte die Welt sowohl aus der Sicht eines Jungen im Flüchtlingsboot sowie eines Soldaten, der ihn nicht ins Land lassen will – der Liedtext wiederum stelle den Dialog zwischen den beiden dar. „Conversations ist ein sehr spannendes Album und in jedem Fall eine Weiterentwicklung meiner Musik“, sagt Gentleman, der laut eigener Aussage auch künftig immer „auf meine innere Stimme hören möchte“. Die Musik ist für ihn keinesfalls ein Beruf – sie ist eine Berufung. Deswegen passt auf Tilmann Otto wie auch auf sein Alter Ego Gentleman der Satz eines Freundes: „Du bist auf der Bühne am besten, wenn Du machst, was Du fühlst.“

 
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 Kurz-Vita Gentleman alias Tilmann Otto (42)

Geburtsdatum: 19.4.1974
Geburtsort: Osnabrück (im Alter von 1 Jahr Umzug nach Köln, aufgewachsen in Köln) 
Verheiratet mit Ehefrau Tamika, zwei Kinder