Starke Frauen am Rathausturm

Juli 2017 / Historie
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Starke Frauen am Rathausturm

Juli 2017 / Historie 

Insgesamt 124 aus französischem Kalkstein Savonnières hergestellte Figuren befinden sich auf dem Turm des Historischen Rathauses – einige von ihnen sind Frauen, die in der Kölner Stadtgeschichte eine besondere Rolle gespielt haben. Immerhin begründet sich bereits der römische Name Kölns in einer starken Frau: Durch den Einfluss von Agrippina, Gattin des römischen Kaisers Claudius und Mutter Neros, erhielt das „Oppidum Ubiorum“ – die erste zivile städtische Siedlung der Ubier – den Status einer römischen Kolonie. Agrippina veranlasste überdies den Namen ihrer Geburtsstadt: „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ oder kurz „CCAA“genannt. Neben Agrippina zieren die Skulpturen weiterer bedeutender Frauen den Rathausturm. Ob Kaiserin, Kämpferin, Visionsgeberin, Universalgenie, erfolgreiche Unternehmerin, Politikerin oder Gründerin – hinter allen Frauenskulpturen stehen starke Persönlichkeiten und vor allem Frauen, die sich um die Stadt verdient gemacht haben. 

 

Römische Kaiserin

Im Erdgeschoss auf der Westseite befindet sich die Nichte des byzantinischen Kaisers und Frau von Kaiser Otto II., Theophanu. Als Kaiserin des „Heiligen Römischen Reiches“ war sie eine der einflussreichsten Herrscherinnen des Mittelalters (um 959 bis 991) und beschenkte großzügig die Kölner Kirchen. Sie brachte unter anderem die Reliquien des Heiligen Albinus in die Stadt. Theophanu ist in der Abteikirche Sankt Pantaloen bestattet.

 

Eine der reichsten Frauen

Eine der erfolgreichsten Hauptseidenmacherinnen war Fygen Lutzenkirchen (1. OG Ostseite). Sie war an den Unternehmungen ihres Ehemanns Peters beteiligt, der großen Einfluss auf Handelsgesellschaften ausübte, und sie widmete sich dem Handel mit Wein und Waren, die heute im Drogeriemarkt zu finden sind. Fygen Lutzenkirchen starb nach 1515 als eine der sechs reichsten Frauen Kölns.

 

„Verstockte Sünderin“

Eine Etage höher an der Westseite lässt sich Katharina Henot ausmachen, die 1627 vom Hohen Weltlichen Gericht zum Tode verurteilt wurde. Die Verbrennung ihres Leichnams markiert den Beginn der Hexenverfolgung in Köln. Doch war Henot Opfer einer Intrige: Um das von ihrem Vater Jacob ausgeübte Amt des kaiserlichen Postmeisters für die eigene Familie zurückzubekommen, führte sie mit ihrem Bruder Hartger einen langen Rechtsstreit, an dessen Ende sie verhaftet, erst freigesprochen, dann erneut gefangen genommen, schwer gefoltert, erwürgt und schließlich als „verstockte Sünderin“ verbrannt.

 

Universitäts-Mitbegründerin

Mathilde von Mevissen (drittes Obergeschoss), die 1894 mit Elisabeth von Mumm den „Kölner Fortbildungsverein“ und vier Jahre später den „Verein Mädchengymnasium“ gründete, war maßgeblich mitverantwortlich für die Gründung der Kölner Universität und forderte die völlige Gleichberechtigung der Frau. Großes Engagement zeigte überdies die Politikerin Maria Christine Teusch (1888–1968), die nach dem Zweiten Weltkrieg eine der ersten Lehrerinnen und sogar Vizepräsidentin des Reichstages war. Mit der Neugründung Nordrhein-Westfalens wurde Teusch Kultusministerin.

 

Initiatorin der Riehler Heimstätten

Weitere charaktervolle Frauen wie Schriftstellerin und Journalistin Mathilde Franziska Anneke, die die „neue Kölnische Zeitung und die „Frauenzeitung“ ins Leben rief oder die Sozialwissenschaftlerin Hertha Kraus, die von Konrad Adenauer 1923 nach Köln als Leiterin des Wohlfahrtsamtes berufen wurde, ein Konzept für Hilfsmaßnahmen gegen soziale Not aufstellte, Werkstätten für Arbeitslose und Kinder umbaute und ein Wohnstift für ältere Ehepaare und Alleinstehende, die heutigen Riehler Heimstätten, initiierte, schmücken den Rathausturm.

 

Klosterfrau

An der Nordseite im zweiten Obergeschoss ist die „Klosterfrau“ Maria Clementine Martin (1775 bis 1843) auszumachen, die sich bestens mit der klösterlichen Heilpraxis auskannte. Als sie mit 50 Jahren nach Köln kam, baute sie einen kleinen Destillationsbetrieb auf und begann mit der gewerbsmäßigen Produktion ihres Melissenwassers. Ihre Firma besteht bis zum heutigen Tag und ist ansässig in der Gereonsmühlengasse

 

Frauenrechtlerin

Das vierte Obergeschoss des Rathausturms ist für die Schutzheiligen aus dem „Kölner Himmel“ reserviert. Hier ist die katholische Nonne Edith Stein (1891 bis 1942) verewigt, die ihr Studium der Germanistik, Geschichte, Psychologie und Philosophie absolvierte und mit Auszeichnung promovierte. Weil sie eine Frau und jüdischer Herkunft war, wurde sie zur Habilitation nie zugelassen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flüchtete sie 1938 in die Niederlande, wo sie 1942 verhaftet und wenige Tage später im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau starb.

 

Elftausend Jungfrauen

Ganz oben auf dem Rathausturm wacht außerdem die Heilige Ursula (drittes Jahrhundert) über die Kölner Bürger. Nach der Legende pilgerte sie mit dem englischen Königssohn Aetherius, zehn vornehmen Jungfrauen und tausend Mägden nach Rom. In einem Traum Ursulas kündigte sich das Martyrium an: Alle Pilgerinnen wurden von Hunnen getötet. Nachdem Ursula dem Prinz der Hunnen abschlägt, seine Frau zu werden, wird sie mit einem Pfeil erschossen. Die elf Flammen auf dem Kölner Stadtwappen, der Ursulinen-Orden und Sankt Ursula sind nur einige von vielen Zeugnissen der Sage.

 

 
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Weitere Infos: http://www.stadt-koeln.de