Zwei schicksalhafte Stunden 

April 2017 / Historie
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Zwei schicksalhafte Stunden 

April 2017 / Historie 

Verbrechen gegen die Menschlichkeit – so lautete vor 70 Jahren die Anklage gegen einen Kölner  ankier: Kurt Freiherr von Schröder, so sein Name, war im Zweiten Weltkrieg SS-Brigadeführer gewesen. In die Geschichte ging er aber durch eine andere Tat ein: In seinem Lindenthaler Haus hatte Schröder 1933 ein geheimes Treffen zwischen Adolf Hitler und Franz von Papen arrangiert. Das Treffen gilt heute als „die Geburtsstunde des Dritten Reiches“.

Kölner sind bekanntlich auf vieles stolz. Doch die Stadtgeschichte birgt auch dunkle Kapitel. Eines davon öffnete sich im Januar 1933 und beeinflusste die Weltgeschichte. Am 4. Januar 1933 trafen sich in einer Kölner Villa der baldige Reichskanzler Adolf Hitler und der ehemalige Kanzler Franz von Papen, um sich gegen den aktuellen Amtsinhaber Kurt von Schleicher zu verbünden. Getreu dem Motto: Ein gemeinsamer Feind stiftet Freundschaften.

„Am günstigen, wenn es zu einer Zusammenarbeit käme“

Anlass war das Jahr 1932. Es war sowohl für Hitler als auch für von Papen nicht gut verlaufen. Eine „ewige Pechsträhne“ – wie Joseph Goebbels in sein Tagebuch schrieb. Im März 1932 hatte Hitler die Reichspräsidenten-Wahlen verloren. Die Kanzlerschaft konnte er sich ebenfalls nicht sichern. Auch für Franz von Papen gab es eine Niederlage: Zwar durfte er sechs Monate lang Reichskanzler spielen, doch nur mit geringer parlamentarischer Unterstützung und für kurze Zeit. Er wollte mehr. „Hitler und Papen (sahen) ein, dass es vielleicht am günstigsten wäre, wenn sie zu einer Zusammenarbeit kommen könnten”, berichtete der Kölner Bankier Kurt Freiherr von Schröder nach dem Krieg. Schröder war derjenige, der Hitler und von Papen zusammenbrachte. Bei einem Vortrag in Berlin sollen von Papen und von Schröder aufeinander getroffen sein. Die beiden verband nicht nur der Adel, sondern auch ein unternehmerfreundliches wirtschaftspolitisches Denken. Bei dem Vortrag schlug Schröder Papen vor, ein Treffen mit Hitler zu arrangieren, so das Magazin „Der Spiegel“. Schröder hatte über Hitlers Wirtschaftsberater Wilhelm Keppler Kontakt zur NSDAP-Führung. Papen gefiel die Idee offenbar. Er glaubte, sich mit Hitlers Unterstützung erneut in die Position des eichskanzlers hieven lassen zu können. Eine Fehleinschätzung. Hitler wiederum sagte auf Zureden Kepplers zu. Schließlich konnte er von Papen gebrauchen, um das Misstrauen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu zerstreuen.

Nur zwei Stunden Verhandlung

Am 4. Januar 1933 war es dann so weit. Bankier Schröder wartete in seiner Lindenthaler Villa am Stadtwaldgürtel 35 auf die rominenten Gäste. Von Papen reise alleine von seinem Wohnsitz an der Saar an. Hitler kam aus München und machte in Köln quasi einen Zwischenstopp auf dem Weg zu einem Auftritt in der Lipper Gegend. Mit dabei: Wirtschaftsberater Keppler, Rudolf Heß und Heinrich Himmler. Während die Entourage nebenan warten musste, besiegelten Hitler und von Papen unter Beisein von Schröder im Arbeitszimmer die Zukunft des Landes. Beide Herren verließen das Haus im Glauben, den anderen in die Tasche stecken zu können. Die Öffentlichkeit erfuhr schon am nächsten Tag von der eigentlich als Geheimtreffen geplanten Zusammenkunft. Der Berliner

Journalist und Zahnarzt Hellmuth Elbrechter hatte Wind von der Sache bekommen. Er erwartete die Politikprominenz am Stadtwaldgürtel mit Fotokamera. Am 5. Januar veröffentlichte die „Tägliche Rundschau“ das Foto samt Bericht. Nur zwei Stunden hatte die Unterredung in der Kölner Villa gedauert. Doch sie gilt als bedeutender Wendepunkt. „Mit gutem Grund ist die Zusammenkunft als ‚Geburtsstunde des Dritten Reiches‘ bezeichnet worden“, meint Hitler-Biograph Joachim Fest. Diese Meinung teilen zwar nicht alle Historiker. Aber fest steht, dass das Kölner Treffen eine bedeutende Annäherung zwischen Hitler und von Papen brachte. Und keine vier Wochen später, am 30. Januar 1933, war die Vereinbarung der beiden Männer Wirklichkeit geworden: Sie waren gemeinsam an der Macht. Hitler wurde Reichskanzler, von Papen Vizekanzler.

Aufstieg und Fall des Bankiers Schröder

Karriere machte nun auch der Hausherr der Lindenthaler Villa. Durch Heirat war der gebürtige Hamburger 1921 Teilhaber des Kölner Bankhauses J. H. Stein geworden. Durch politischen Klüngel avancierte er nun zum einflussreichen Wirtschafslobbyisten. Der bis dato recht unbekannte Kölner Bankier erhielt etliche Ämter; unter anderem wurde er Präsident der Kölner Industrieund Handelskammer und Vizepräsident des Deutschen Industrieund Handelstages. Noch vor dem Krieg trat Schröder in die SS ein und machte auch dort Karriere. Er soll seit dem Kölner Treffen in einem „besonderen Vertrauensverhältnis“ mit Hitler gestanden haben. Nach dem Krieg geriet Schröder in französische Kriegsgefangenschaft. 1947, also vor 70 Jahren, wurde er wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt, allerdings mit einer geringen Strafe. Gerade mal ein Jahr saß der Ex-SS-Mann in Haft. Er starb 1966 in seiner norddeutschen Heimat.

Was danach mit der Villa geschah

Ruhig ist es nach dem Krieg auch um die Bankiers-Villa am Stadtwaldgürtel geworden. Heute beherbergt sie statt Politikprominenz mehrere Büros. Wo sich einst Hitler, von Papen und Bankier Schröder trafen, wohnen und arbeiten heute ein Osteopath, eine Psychotherapeutin, ein Finanzberater, zwei Immobiliensachverständige, ein Marktforschungsinstitut und mehrere Rechtsanwälte. Vom historischen Treffen ist kaum mehr etwas zu erahnen. Nur eine Gedenkplatte auf dem Gehweg vor der Villa erinnert an das dunkle Kapitel in der Kölner Stadtgeschichte.

 

 

 
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