Von der Militär-Parodie zur Narren-Ehre

Januar 2016 / Historie
«

Von der Militär-Parodie zur Narren-Ehre

Januar 2016 / Historie 

Eine der ranghöchsten Auszeichnungen in der Kölner Brauchtumspflege ziert das Titelcover des Top Magazins Köln: der Bürgerorden der „Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums e. V.“, der seit 1961 in Würdigung der besonderen Verdienste um das Kölnische Brauchtum verliehen wird, ist darauf zu sehen. Doch was steckt hinter diesen karnevalistischen Ehrenzeichen, die in der Session von den Jecken „öm d’r Hals“ getragen werden?

 

Orden, hat einmal ein weiser Spötter formuliert, werden erdienert, erdiniert, erdient oder – in den seltensten Fällen – verdient. Dies gilt ähnlich sicher auch für karnevalistische Orden und Ehrenzeichen. Hier ist nicht der Ort, die Vergabepraxis dieser metallenen Plaketten zu kritisieren, die viele Zeitgenossen nur allzu gern am Halse haben. Man darf aber feststellen: Karnevalsorden sind heute neben allem anderen auch und immer noch Verdienstorden. Honorige Vereinsmitglieder werden damit ausgezeichnet, Bühnenkünstler belohnt und wer jemanden kennt, der wen kennt, dessen Freund jemanden kennt, bekommt ihn möglicherweise auch einfach mal so. Als Sammlerstück begehrt und als Vorzeige-Karnevalisten-Accessoire bewundert, war der Orden jedoch nicht immer so positiv besetzt wie in seiner heutigen Form. Orden im Karneval waren ursprünglich einmal als Persiflage gedacht, als Anspielung auf die Auszeichnungswut und -flut im öffentlichen Leben. Doch es hat nicht lange gedauert, bis diese Orden und ihre Verleihung praktisch alles von ihrer spöttischen Absicht verloren hatten. Im frühen 19. Jahrhundert – das Rheinland war gerade erst Teil des Königreichs Preußen geworden – setzte sich der Karneval aus Mummenschanz und Zunftbräuchen als bürgerliches Fest durch. Bald formierte sich das heutige Festkomitee und diverse Karnevalsgesellschaften, die mit großem Vergnügen den steifenMilitärhabitus der neuen Landesherren auf die Schippe nahmen, wurden aus der Taufe gehoben. Neben Uniformen, Exerzitien und Vereinsstruktur entlehnten die Jecken mit der Ordensvergabe ein weiteres Militärmotiv. Das bedeutet, so wie es bei den Preußen üblich war, Soldaten mit schweren Orden auszuzeichnen,etablierten Karnevalisten die Parodie dieser Geste.

Auszeichnung an engagierte Karnevalisten

Wer sich also um Brauchtum, das Vereinsleben und den Karneval verdient gemacht hatte, wurde zunächst mit Medaillen und ab 1867 mit plastischen Orden im heutigen Sinne geehrt. Der Ordensgedanke, schreibt Max-Leo Schwering in seinem Buch „Kölner Karnevalsorden 1823–1914“, habe in Köln indes nur sehr allmählich Fuß gefasst und sei erst in den 1870er-Jahren zu einer „Flut“ geworden. Doch was ursprünglich als Ulkerei gedacht war, behielt den Charakter der Auszeichnung. Karnevalisten trugen ihre Orden mit Stolz, denn das Schmuckstück war eine sichtbare Aussage über die Position des Würdenträgers innerhalb der KG und brachte durchaus Bewunderung mit sich. Dementsprechend hatte auch die Gestaltung der Stücke nur wenig Parodistisches an sich. Eher war es üblich, die Karnevalsorden als plumpe Plagiate herzustellen. So glänzten sie in Form des Ordenskreuzes beziehungsweise Sterns oder Strahlenkranzes mit Adler, Lorbeerblättern oder Stadtwappen und zeigten klassische Narren-Symbole wie die frühen Orden des Rosen-Montags-Divertissementchen von 1861 e. V. belegen. Zudem war es Gang und Gäbe vorgefertigte Figurvignetten für die Orden verschiedener Gesellschaften zu verwenden.

Mit der Gestaltung wandelt sich die Bedeutung

Dennoch gibt es zu Beginn der Ordenstradition keinerlei Leitmotive oder Mottos, anhand derer sich die Gestaltung der Auszeichnungen orientiert hätte. Vielmehr wird verwendet, was eben da ist und so manche Wahl der Dekorationselemente scheint weit hergeholt zu sein. Erst nach und nach wird die Gestaltung freier, pompöser und farbenfroher. Ab 1880 finden zunehmend Themen aus dem Stadtleben, der Politik oder dem gesellschaftlichen Geschehen Platz auf den Orden – ebenso wie Hinweise auf die bewegte Geschichte der Stadt. Vorreiter waren die Große KG von 1823 und die Großen Kölner KG von 1882. Die beiden Gesellschaften, die ab 1889 einvernehmlich im Wechsel das Festkomitee bildeten, die also auch das Motto für die Session und den Rosenmontagszug ausgaben, begannen damit, dieses Motto hin und wieder auf ihren Orden umzusetzen und dazu einige „kreative“ Ideen beizusteuern. Ein sehr ungewöhnliches Stück wurde 1903 von der Großen Kölner zu dem Motto „Lebende Bilder“ herausgegeben: Dieser Orden zeigt in einem runden Rahmen einen zerspringenden Spiegel, durch den eine plastisch gestaltete Närrin mit Sektglas hervortritt. Ungewöhnliches Stück ist auch der Orden von 1914: ein (funktionstüchtiger) Zigarrenabschneider in Form des „Platzjabbeck“. Oftmals dokumentieren die Stücke zeitgenössische Themen oder unterstreichen den Patriotismus der Karnevalisten. Mit der immer populärer werdenden Fotografie finden Porträts ihren Weg in die Ordensmotivik und auch die Herstellung wird professioneller. Die logische Konsequenz: Je konkreter die Aufmachung der Prunkstücke wird, umso ernsthafter wird ihr ideeller Wert gemessen.

Kunsthandwerk und Kurioses

Mittlerweile ist die Ordensproduktion ein Handwerk für sich, denn die Schmuckstücke kommen detailreich und prunkvoll daher. Auch wenn das Material nicht unbedingt teuer ist, so wird mancher Orden unter Sammlern hoch gehandelt. In Sachen Gestaltung ist erlaubt, was gefällt und technisch umsetzbar ist. Eine witzige Idee sowie Bezug zum Sessionsmotto, der KG oder dem Stadtgeschehen sind durchaus üblich und auch Kurioses wie beispielsweise Spiegel, bewegliche Elemente, Zigarrenabschneider oder sogar Aschenbecher haben so machen Orden zu einem heißbegehrten Highlight gemacht. Die Narren verdienen sich ihre Ehrenzeichen zunehmend durch Spenden, was die Bewunderung für erhaltene Orden nicht schmälert.

 

 
Zurück zur Übersicht
Achtung:
neue Anschrift