Zweifelhafte Stadtpatronin

Dezember 2016 / Historie
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Zweifelhafte Stadtpatronin

Dezember 2016 / Historie 

Die heilige Ursula, Schutzpatronin der Stadt Köln, soll der Legende zufolge um 300 nach Erlöser vor den Toren der Stadt das Martyrium erlitten haben. Die ganze Kulisse und der Plot waren gleich ein Comic vor meinem inneren Auge, als ich vor über 20 Jahren nach Köln zog und die Sage zum ersten Mal hörte“, sagt Kult-Comiczeichner und Autor Ralf König. Doch es dauerte noch eine Weile, bis sich der Künstler, der für einen selbstironischen, fein pointierten und satirisch-augenzwinkernden Blick auf die homosexuelle Subkultur steht, dem Stoff um Ursula und ihre 11 000 Jungfrauen widmete. Mit seinem Comic „Elftausend Jungfrauen“ präsentiert er seine ganz eigene Sicht auf den Mythos – mit sozialethisch desorientierten Heiden, sadomasochistischen Klosterbrüdern, planlosen Engeln sowie wohlgeformten Barbaren, die so manche Jungfrau in Verzückung versetzen.

Bretonische Königstochter soll heidnischen Prinzen heiraten

Dabei ist die heilige Ursula in der Wahlheimat des „Der bewegte Mann“-Erfinders allgegenwärtig. Sogar bis ins Wappen der Stadt haben es die sagenumwobenen Damen gebracht. Was aber steckt tatsächlich hinter der Reise der Jungfrauen und ihrem Ableben im antiken Köln? Die Legende hat viele Versionen, die vor allem in ihren Details voneinander abweichen. Besonders prominent ist die mittelalterliche Version, in der die bretonische Königstochter Ursula – eine fromme Christin – mit dem heidnischen Prinzen Aetherius von England verheiratet werden soll. Doch die Eheschließung ist an Bedingungen geknüpft. So muss sich der Bräutigam taufen lassen und Ursula darf gemeinsam mit zehn Gefährtinnen sowie tausend Jungfrauen pro Dame auf Pilgerreise in Richtung Rom gehen.

Märtyrertod in Köln

Beim Halt in Köln erscheint Ursula ein Engel, der ihr den Märtyrertod vorhersagt. Doch erst als die Jungfrauen – mittlerweile begleitet von Pabst Cyriacus und dem getauften Aetherius – erneut nach Köln kommen, ereilt sie ihr prophezeites Schicksal. Denn die Stadt wird von Hunnen belagert, die die fromme Schar prompt ermorden. Auch Ursula, die sich dem König des Volksstammes verweigert, stirbt im Kampf um ihre Keuschheit. Daraufhin erscheinen 11 000 Engel, die das Reitervolk vom Rhein vertreiben. Aus Dankbarkeit ernennen die Bürger der Stadt Ursula zu ihrer Schutzpatronin. Daran erinnert nicht nur die aus dem Jahr 1135 stammende Kirche Sankt Ursula in der Innenstadt, sondern auch der Ursulatag, der am 21. Oktober begangen wird. Wie viel Wahrheit in dieser Sage liegt, ist unklar, da die Königstochter Ursula erst im späten zehnten Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnt wird und andere Quellen auf eine britische Prinzessin Winnosa oder Pinnosa verweisen. Kritische Historiker halten Ursula sogar für eine reine Legendenfigur. Ebenso ist die Zahl 11 000 nicht belegt. So besteht die These, dass es sich in der Überlieferung um einen Übersetzungsfehler handelt und tatsächlich nur elf Frauen nach Rom pilgerten. Überdies gibt es die Vermutung, dass eine große Gruppe Stiftsdamen, die um das Jahr 900 unweit der heutigen Ursula-Kirche Zuflucht und Schutz vor der Verfolgung durch die Ungarn fanden, das historische Äquivalent zu den Jungfrauen der Ursula-Sage sein könnten.

»Die Überlieferung könnte Übersetzungsfehler enthalten –eventuell pilgerten tatsächlichnur elf Frauen nach Rom.«

Gräberfeld wird zur Einnahmequelle

Doch am meisten heizte ein Knochenfund aus dem frühen 11. Jahrhundert die Legendenbildung an. Zu jener Zeit offenbarte sich beim Ausbau der Stadtmauer ein Gräberfeld, das sogenannte „Agar Ursulanis“ am heutigen Standort der Ursula-Kirche. Die findigen Kölner witterten ihre Chance und verkauften die Knochen äußerst lukrativ als Reliquien der 11 000. Tatsächlich ist belegt, dass die Knochen – ein Teil des Fundes ist noch heute in der Goldenen Kammer der Kirche zu sehen – aus einem Gräberfeld für Bürger der römischen Colonia stammen.  Cartoonist und Satiriker Ralf König meint „Nun ist es vollbracht, die Heilige ist entjungfert“ und erlaubt nunmehr eine humoristische Sicht auf die durchaus seriös gepflegte Heiligenverehrung der Stadtpatronin.

Eine Heilige, wie König sie schuf

Comiczeichner und Autor Ralf König lebt und arbeitet seit fast 25 Jahren in Köln. Im Laufe seiner Karriere hat er sich vor allem als „Chronist der Schwulenszene“ einen Namen gemacht, der sich mit seinen witzigen, oft hintersinnigen und bewegenden Geschichten stets gegen die Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben stark macht. Seit 2007 widmet er sich zudem der „Glaubensfrage“ sowie der zunehmenden Aggressivität der Religionen. „Elftausend Jungfrauen“ reiht sich ein in Königs fast schon hingebungsvolle Kritik am katholischen Christentum. Dass er sich dabei der Figur der Ursula widmet, liegt nicht nur an seiner Wahlheimat. Tatsächlich wurde der Ursulatag aufgrund mangelnder Beweise vor rund 40 Jahren aus dem Festtagskalender gestrichen

 

Comiczeichner und Autor Ralf König lebt und arbeitet seit fast 25 Jahren in Köln. Im Laufe seiner Karriere hat er sich vor allem als „Chronist der Schwulenszene“ einen Namen gemacht, der sich mit seinen witzigen, oft hintersinnigen und bewegenden Geschichten stets gegen die Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben stark macht. Seit 2007 widmet er sich zudem der „Glaubensfrage“ sowie der zunehmenden Aggressivität der Religionen. „Elftausend Jungfrauen“ reiht sich ein in Königs fast schon hingebungsvolle Kritik am katholischen Christentum. Dass er sich dabei der Figur der Ursula widmet, liegt nicht nur an seiner Wahlheimat. Tatsächlich wurde der Ursulatag aufgrund mangelnder Beweise vor rund 40 Jahren aus dem Festtagskalender gestrichen

 
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Köln Historisch

Die Serie „Köln Historisch“ im Top Magazin zeigt Begebenheiten und Ereignisse längst vergangener Geschichte der Domstadt. Sie stellt dar, was Köln durch die Jahre und Jahrhunderte bewegt und teilweise geprägt hat. Teil 10 der Serie berichtet über die Legende der Kölner Stadtpatronin, der Heiligen Ursula.