Serie: Legenden des Karnevals (Teil 2) Unvergessen bis zum heutigen Tag: Die Büttenredner des kölschen Fasteleers

November 2016 / Gesellschaft
«

Serie: Legenden des Karnevals (Teil 2)
Unvergessen bis zum heutigen Tag: Die Büttenredner des kölschen Fasteleers

November 2016 / Gesellschaft 

 

Redner »predigen« vom »Narrenstuhl«

 

Unvergessen bis zum heutigen Tag: Die Büttenredner des kölschen Fasteleers

 

Manchmal ist es mucksmäuschenstill, so dass das Fallen einer Stecknadel zu hören wäre – dann wieder erfüllen Lachsalven und Schenkelklopfer den Sitzungssaal, so dass sich „die Balken biegen“. Ob ruhiger Vortrag, Typenrede oder Rede in Reimform – die meist auswendig dargebotene, traditionelle Büttenrede im Kölner Karneval ist so alt wie die ab 1833 durchgeführten „Komiteesitzungen“. Neben Musik und Getränken gab es hier ernste und humorvolle Reden auf dem „Narrenstuhl“ – der späteren Bütt. Doch geht die eigentliche Büttenrede noch weit bis ins Mittelalter zurück. Nämlich auf den Brauch des Rügerechts, das dem einfachen Mann zur Fastelovendzick erlaubte, die Herrschenden ungestraft zu kritisieren.

„Hochdeutsch mit Knubbeln“

Die erste richtige „Typenrede“ lieferte der 1835 in Köln geborene Mundartautor Maria Heinrich Hoster (Bild links). Der spätere Mitbegründer und erste Bannerhär der Kölner Narren-Zunft schlüpfte 1873 in die Rolle des bornierten neureichen „Tillekatessenhändler Antun Meis“. Sein Bestreben zur „besseren“ Gesellschaft zu gehören, gebildet und vornehm zureden, war jedoch sinnlos. Dabei kam bloß ein im kölschen Singsang dargebotenes „Hochdeutsch mit Knubbeln“ heraus, wofür ihn das Publikum liebte. Die Typenrede machte Hosters Alter Ego für den Rest seines Lebens und weit über die Kölner Stadtgrenzen hinaus beliebt. Heute gilt er als einer der Klassiker der kölschsprachigen Dialektliteratur. Zwanzig Jahre später macht der 33-Jährige volkstümliche Liederdichter Gerhard (Bernhard Josef) Ebeler auf sich aufmerksam. Humoristische Szenen, in denen Tünnes un Schäl Einfluss auf Alltags- und Weltereignisse nehmen, und zahlreiche Kanevalsrevuen für Grete Fluss stammen aus seiner Feder. Bereits 1910 besprach er Grammophonplatten mit humoristischen Vorträgen in kölscher Mundart.

Deutsches Reich aufs Korn genommen

Um sich etwas im Karneval dazuzuverdienen, stieg 1927 der gelernte Buchdrucker Karl Küpper in die Bütt. Hier setzte er seine abweisende Haltung zum NS-Regime spitzfindig in Szene. Den erwarteten Hitlergruß nutzte er überdies für eine oft zitierte Einlage. Den rechten Arm hebend däute er ins Publikum: „Su huh litt bei uns dr Dreck em Keller!“ Oder er fragte mit erhobener Hand: „Es et am rääne?“ (Regnet es gerade?) Das wegen Verunglimpfung des Deutschen Grußes 1939 ausgesprochene lebenslange Redeverbot missachtete er und meldete sich zum Dienst in der Wehrmacht, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Zurück aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft trat Küpper bald wieder in Köln als Büttenredner auf. Er ließ es sich nicht nehmen, Nachkriegszeit und aktuelle Politik gewaltig durch den Kakao zu ziehen. Harmlos dagegen waren die Anekdötchen, die Hans Hachenberg verzällte. Er verkörperte ab den 1940er-Jahren die Charaktere eines Trottels. In der Type der „Doof Noss“ – jüngstes Kind einer Großfamilie – ließ er das Publikum teilhaben an den jecken Geschichten aus dem Familienalltag. 65 Jahre lang blieb der Büttenredner der „alten Schule“ seiner Figur treu: Er trat stets im schwarzen Jäckchen und lila Hütchen op de Bühn. Ein Mann der reimenden Feder war der 1916 geborene Franz Röder, der sich „ein moderner Überdichter“ nannte. In der Rolle des „Amadeus Gänsekiel“ vertrat das Mitglied der Roten Funken (Spitzname „Entefott“) einen Karneval, der ohne laute Verstärkertechnik auskam. Vor seinen heiterironisierenden Reimen war kaum eine Lebenslage und kaum ein Menschenschlag sicher, die eigene Zunft der Karnevalisten und Funktionäre am allerwenigsten. „De Minsche Freud zo maache wor ming Levvensziel, zom letzten Mol größ’ hätzlich Amadeus Gänsekiel“. Mit diesem Vers in der Todesanzeige verabschiedete er sich 1999 quasi selbst von seinem Publikum. Der Gänsekiel, Markenzeichen seines über sechzigjährigen Schaffens, ziert seinen Grabstein.

Von Rotlichtmillieu und Unterwelt inspiriert

Mit zu den umstrittensten, aber auch berühmtesten Humoristen der 1950er- und 1960er-Jahre gehörte Horst Alfred Muys. Einerseits war er als „Der liebe Jung aus Köln am Rhein“, andererseits wegen seines anrüchigen Lebenswandels und seiner unanständigen Texte bekannt. Durch exzessiven Alkoholkonsum und Glücksspiel sowie seine Kontakte zum Rotlichtmilieu und zur Kölner Unterwelt saß er mehrfach im „Klingelpütz“. Als Redner reihte er Herrenwitze und Kalauer aneinander und reicherte sie mit Erlebtem an. Überdies war Muys für einen der größten Skandale in der Geschichte des Kölner Karnevals verantwortlich: Auf einer Herrensitzung 1968 machte er so derbe Witze über Prostitution und Homosexualität, dass Oberbürgermeister Theo Burauen aus Protest den Saal verließ. Ein Auftrittsverbot durch das Festkomitee war die Folge, das einen unerwarteten Sturm der Entrüstung nach sich zog. 1969 wurde dem öffentlichen Druck nachgeben und Muys trat wieder umjubelt auf die Bühne. Mit jungen 45 Jahren starb er ein Jahr später an einem Magendurchbruch. Während der Solokarriere von Muys hatte das Publikum außerdem viel Spaß an seinen gemeinsamen Auftritten mit dem als „Glöckner vom Rathausturm“ bekannt gewordenen Kabarettisten Harry Fey. Sein Hauptwerk waren die auf acht Vinylplatten verewigten „Die Wildsäue“ – meisterlich erzählte Witze, die die Lachmuskeln des Publikums bis aufs Ärgste stra-pazierten – wenn auch mit einer Vielzahl vulgärer Ausdrücke. Ob im Zwiegespräch mit Harry Fey, als „Schütze Bumm“, „ne Rude und ne Blaue Funk“ mit seinem Sohn Franz-Josef oder in der Type des „Jupp vum Kegelklub“ – 60 Jahre lang hat Franz Unrein für viel Freude gesorgt. Der beliebte Redner, der immer bereit war, ohne Gage bei sozialen Veranstaltungen aufzutreten, verstarb 2008 im Alter von 79 Jahren.

„Gäl“ und „Grön“

Kölnischen Humor und Schlagfertigkeit zeichneten den Redner „Karl Schmitz-Grön“ aus, dessen Vater Jean Schmitz über 50 Jahre lang im Kölner Karneval als „Schmitze Gäl“ bekannt war. Als Karl anfing seinem Vater nachzueifern, erhielt er den Beinamen „Grön“, wurde also „Schmitze-Grön“ genannt, was so viel wie der „Jüngere“ hieß. Seine ersten Typenreden wie „Ein Wohnungsloser“, „Ein Feuerwehrmann“ oder „Ein Flieger“ trug er in sächsischem Dialekt vor, was beim Publikum gut ankam. Schmitz-Grön verstarb 2002 im Alter von 104 (!) Jahren. In die Reihe der beliebten Büttenredner fädelt sich Toni Geller – geboren 1924 – ein. Im Alter von 26 Jahren machte er die Bühnen „unsicher“, vielen bekannt als „Redner von der Blauen Partei“, deren Figur er bis 1955 verkörperte. Mit seiner Figur „Et Botterblömche“ erlangte Hans Bols großen Beliebtheitsgrad. Ein Büttenreden-Wettbewerb vom WDR, den der 1937 in Krefeld Geborene gewann, war der Einstieg für seine rund 30-jährige Bühnenpräsenz. Eine bunte Stoffblume, mit der er während des Auftritts herum wedelte, war sein Markenzeichen.

Lebende Legende

Ist von Legenden die Rede, darf „Tröötemann“ Karl-Heinz Jansen nicht unerwähnt bleiben. Seine karnevalistische Rednerlaufbahn startete er 1962 in der Type des „Radfahrers“, und 1973 ging er erstmals als „Tröötemann“ op de Bühn. In seinen Vorträgen blieb der heute 90-Jährige stets seinen Grundsätzen treu: immer schön oberhalb der Gürtellinie bleiben und sich aus der Politik raushalten. Legenden von morgen

Ob „Weltenbummler“ Gerd Rück, der von seinen Reisen in die Ferne berichtet, „Rumpelstielzje“ Fritz Schopps, das seine bissige Ironie im Märchenwald reimt, „Kölscher Schutzmann“ Jupp Menth, der mit echt kölschem Humor und astreiner kölscher Sproch überzeugt, oder „Der Mann mit dem Hötche“ Peter Raddatz, der seinen Vortrag in rheinischem Hochdeutsch hält – sie gehören heute zu den populären Rednern, die teilweise aber auch schon dem Bühnenalltag „Atschüss“ gesagt haben. Dazu gesellen sich „Dä Knubbelisch vum Klingelpötz“ Ralf Knoblich, „Ne bergische Jung“ Willibert Pauels, „Dä Mann für alle Fälle“ Guido Cantz, „Werbefachmann“ Bernd Stelter, „Hausmann“ Jürgen Beckers, Martin Schopps und Marc Metzger. Gute Chancen, als „Legende von morgen“ in die Geschichte einzugehen, hat dabei jeder von ihnen. 

Stichwort: Die „Bütt“

Alle Legenden „predigten“ von der „Bütt“ aus. Vom leeren Weinfass, das Anstoß zur Bitterkeit gibt, über den Vergleich mit dem Spötter Diogenes, der in seiner legendären Tonne hauste, bis hin zur Bütte oder Bottich, in dem schmutzige Wäsche gewaschen wird, reichen die Erklärungen für das auch heute wieder – man besinnt sich auf alte Traditionen – eingesetzte Rednerpult.

 

 
Zurück zur Übersicht