Die Falten im Stadtgesicht

März 2015 / Fotoessay
«

Die Falten im Stadtgesicht

März 2015 / Fotoessay 

TOP Fotograf Christoph Seelbach zeigt Werke des Ausnahmearchitekten Gottfried Böhm

 

Ein Gebäude ist für den Menschen Raum und Rahmen seiner Würde, und dessen Äußeres sollte seinen Inhalt und seine Funktionen reflektieren.“ Mit diesen wenigen Worten beschrieb Architekt Gottfried Böhm einst die Philosophie seines Schaffens. Doch wer die Böhm‘schen Gebäude in ganz Deutschland betrachtet, erkennt nicht nur die Funktion sowie deren Wertschätzung. Ein Entwurf des heute 95-Jährigen hat stets etwas Kunstvolles und Eigenwilliges an sich, das stilprägend und non-konform zugleich ist. Neben Böhms erstem eigenem Projekt, der Kapelle Madonna in den Trümmern in St. Kolumba aus den späten 1940er-Jahren, beeindruckt vor allem die 1971 geweihte Lindenthaler Kirche Christi Auferstehung. Mit ihren geometrischen Formen, der Mischung aus Betonguss und Backsteinbau sowie den unsymmetrischen Verschachtelungen, dem weit offenen Innenraum und dem ungewöhnlichen Lichteinfall durch die teils von Böhm selbst gestalteten Fenster, wirkt die Kirche wie eine Höhle in einem natürlich gewachsenen Gebirge.

Auch das Bensberger Rathaus besticht durch die typischen, wuchtigen Beton- und Glaselemente, die sich scheinbar mühelos mit den historischen Mauern des ehemaligen Schloss Bensberg verbinden. Von Kennern als „begehbare Plastik“, „Deutschlands modernstes Rathaus“ und „kristallinisch gefrorener Barock“ gefeiert, blickte das Köln der 1960er Jahre eher spöttisch auf den Bau und betitelte ihn sogar als Schießschachtturm oder Aapefelse. Nichtsdestotrotz gilt Gottfried Böhm als Stararchitekt seiner Zeit, Vorbild und Pionier. Seine Bauwerke prägen und durchbrechen das Stadtbild zugleich.

Die versteckte Dynastie

Der im Jahr 1920 geborene Gottfried Böhm beschreibt eine lange Familientradition. Sein Großvater Alois Böhm war im bayrisch-schwäbischen Jettingen im Baugeschäft tätig. Sein Vater Dominikus, ebenfalls Architekt, nahm seinen jüngsten Sohn in seine Obhut und gründete nach Kriegsende mit ihm gemeinsam ein Architekturbüro, dessen Erbe heute von den Söhnen Stephan, Peter und Paul weitergeführt wird. Auch Gottfried Böhms Ehefrau Elisabeth war als Architektin gefragt. Nur Sohn Markus hat als Künstler einen etwas anderen Weg eingeschlagen. Aus der Feder der Böhm’schen Dynastie stammen rund 70 Kirchen und Gebäude wie das Kalker Bezirksrathaus, das Maritim Hotel, das Deutzer Stadthaus, die WDR-Arkaden oder die Zentralmoschee in Ehrenfeld.

 
Zurück zur Übersicht
Achtung:
neue Anschrift